Die etwas andere Sicht der Dinge

Diesen Mono(B)log führe ich mehr oder weniger (eher weniger) regelmäßig. Ich gebe Gedanken und Erlebnisse aus dem Unternehmensalltag sowie Geschichten aus dem Nähkästchen zum Besten. Außerdem blicke ich hin und wieder zurück und vergleiche – früher zu heute. Aber auch Dinge aus dem aktuellen Geschehen greife ich auf. Die Ausführungen spiegeln ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und erheben KEINEN Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch :-).

Die Leser haben keine direkte Möglichkeit auf einzelne Einträge zu antworten. Wer unbedingt seinen Senf dazugeben will, kann das unter »tagebuch [at] werkstation.de« gerne tun. Allerdings behalte ich mir vor, Inhalte dieser Mails zu ignorieren oder zu zitieren.

Sinn-los

Juni 30th, 2019|

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Überall auf der Welt – besonders in wärmeren Gefilden – habe ich das beobachtet. Wenn es heiß wird, kommt das ganze Land zum Stillstand. Bei der Arbeit und in der Freizeit. Ein Mittagsschläfchen oder eine Abkühlung im Pool/Meer ist nicht unüblich. Auch die Kleidung wird den Temperaturen angepasst.

Die Temperaturen klettert inzwischen auch bei uns immer mal wieder auf 35°C, mitunter sogar auf über 40°C. Heute ist so ein Tag – es ist Ende Juni. Stolze 37°C zeigt das Thermometer. Mit meinen Mitarbeitern habe ich die Absprache getroffen, dass wir keine Klimaanlage installieren. Denn wir sind der Meinung, dass die einen Haufen Energie frisst, dass die krank macht und dass man die Temperaturen 4 – 6 Wochen im Jahr ganz gut aushalten kann. Wir nehmen uns dafür heraus – und genießen dieses Privileg sehr – an besonders heißen Tagen um 15:00 Uhr den Betrieb zu schließen.

Es ist jetzt 15:30 Uhr. Meine Mitarbeiter sind alle schon weg. Ich muss länger bleiben, weil sich Besuch angekündigt hat. Ein potentieller Lieferant stellt sich vor. Er kommt bei seiner Tour durch Deutschland auch an Besigheim vorbei. „Gut“, sage ich, „mach mal, wenn Du schon in der Ecke bist“. Um kurz nach 15:45 Uhr fährt er also in den Hof und es dauert noch 5 Minuten, bis er das Firmengebäude betritt. Ich kann beobachten, dass er sich im Auto noch schnell umzieht.

Ich empfange ihn im Eingangsbereich. Er bleibt stehen und schaut mich mit großen Augen von oben bis unten an. Ich stehe da in kurzen Hosen und T-Shirt, bin barfuß und habe ein Glas kaltes Wasser in der Hand. Was ja auch Sinn macht bei diesen Bedingungen. Er ist beschlipst, bekoffert und beanzugt. Was aus meiner Sicht grundsätzlich – zumindest jedoch heute – überhaupt keinen Sinn macht.

Ich muss lachen. Er lacht mit, reißt sich die Krawatte vom Hals und sagt: „Wenn ich das gewusst hätte“. „Aber es ist doch schon den ganzen Tag so heiß“, sage ich, „das weißt Du doch schon lange“.

Bei uns gibt es eine klare Kleiderordnung. Nämlich keine. Bzw. eine die Sinn macht. Wenn es kalt ist, ziehen wir uns warm an. Wenn es warm oder heiß ist, machen wir uns Luft. Und zwar in Form von wenig und leichter Kleidung. Krawatte habe ich schon seit über 20 Jahren keine mehr getragen. Und ich habe beschlossen, dass das so bleibt und ich meinem Besuch das zukünftig auch VORHER mitteilen werde. Alles andere macht ja auch keinen Sinn.

Nachkalkulation

Juni 24th, 2019|

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Ich greife zum Hörer und rufe Herrn C. an. Weil – wir haben uns verkalkuliert und das muss ich dringend mit dem Kunden besprechen. Die Geräte sind bereits ausgeliefert, die Rechnung ist auch schon bezahlt. „Hallo Herr C.“, beginne ich das Gespräch, „wir haben uns total verkalkuliert und wir müssen uns noch einmal über die Preise des Projekts unterhalten“.

Herr C. am anderen Ende der Leitung wird hörbar nervös. Und leider lässt er mich nicht ausreden. Er erklärt mir sofort, und seine Stimme wird dabei deutlich lauter, dass er keine Chance sieht, einer nachträglichen Preisänderung zuzustimmen. Denn er habe das Projekt auch schon abgeschlossen und bereits die Rechnung gestellt. Außerdem gibt er mir sehr klar zu verstehen, dass er eine solche Art der ‚Preispolitik‘ nicht akzeptieren wird.

Ich bleibe lange stumm und höre mir an was er zu sagen hat. Ich nehme seine Ausführungen ernst! Nach ein paar Minuten verstummt mein Gegenüber – immer noch sichtlich erregt. Ich sage dann: „Sie haben natürlich recht“. „Man kann die Preise für seine Produkte nicht einfach im Nachhinein ändern“. „Und trotzdem werde ich das tun – ob sie das nun wollen oder nicht“. Ich höre wie er tief Luft holt, also spreche ich schnell weiter. „Herr C.“, sage ich also langsam, „ich habe mich zu ihren UNGUNSTEN verkalkuliert und möchte ihnen Geld zurückzahlen“.

Ich hätte viel gegeben, um sein Gesicht in diesem Moment sehen zu können. Aber ich konnte es mir bildlich vorstellen. „Sie wollen mich verarschen“, höre ich ihn dann nach einer kleinen Pause sagen, „kein Mensch gibt Geld zurück, wenn er ein gutes Geschäft gemacht hat“. Seine Stimme klingt jetzt merklich sanfter. „Ich mache gerne und am liebsten gute Geschäfte“, antworte ich ihm. „Aber in diesem Fall hielte ich es für Betrug, weil es um viel Geld geht und weil ich einen Fehler gemacht habe“.

Eine kurze Erklärung zwischendurch. Wir haben für den Kunden 8 Systeme entwickelt. Allesamt sehr aufwändige Sonderbauten. Und dabei ist es zu einem Zahlendreher gekommen, der den Preis um ca. € 1.000,– nach oben geschraubt hat. PRO GERÄT wohlgemerkt! In Summe ging es also um immerhin € 8.000,–! Ich nenne ihm also die Summe, die er mit einem lauten „unglaublich“ quittiert.

Wir haben noch viele Jahre gute und viele Geschäfte miteinander gemacht. Und von da an hat er – bei kleineren Projekten – immer wieder gesagt: „Ein Angebot brauche ich nicht – schicken Sie mir gleich die Rechnung“.

Doch, das geht!

Juni 6th, 2019|

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Ein junger Mann – so um die 25 – kommt zu mir. Er bittet mich um einen Rat für seine ‚Geschäftsidee‘. Er nennt mir die folgenden Eckpunkte. Er sagt: „Ich habe keine wirkliche Geschäftsidee – ich möchte jetzt einfach mal starten“. Außerdem sagt er: „Ich habe kein Startkapital, meine Mitarbeiter sind nicht wirklich qualifiziert für den Job“. „Aber“, so schließt er seine Ausführungen ab, „jetzt mieten wir uns mal ein Gebäude und dann wird sich der Rest schon ergeben“. Seine Augen strahlen.

Ich habe ja nun schon vieles gehört. Aber so ein Schwachsinn ist mir noch nicht untergekommen. Ich frage ihn: „Welche Ausbildung haben Deine Mitarbeiter“? „Nun“, erklärt er mir stolz, „Ich bin gelernter Bundespolizist, mein zukünftiger Controller ist ein ehemaliger Richter und Staatsanwalt, meine Assistentin ist gelernte Zahnarzthelferin, dann ist da noch ein KfZ-Elektroniker mit Schwerbehinderten- ausweis, mein zukünftiger EDV-Mann hat nach der 8. Klasse die Schule abgebrochen, und ein weiterer Kollege hat gar keine Ausbildung“. „Aber“, so fügt er an, „der kann dann eine Ausbildung bei uns machen“. „Was für ein Vollidiot“, denke ich bei mir. „Der hat null Ahnung, null Erfahrung und keinen Plan“. „Das klappt niemals“.

Hat aber geklappt und ist genau so passiert. Und der Vollidiot bin ich. Ich, der Chef der Werkstation. Ehemaliger Bulle und blauäugiger Träumer. Ich hatte eine verrückte Idee – und die lautete: „Ich will etwas bewegen – ich will eine eigene Firma haben und Chef sein“!

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ich habe angefangen Terminals zu bauen. Dabei habe ich mich verschuldet. Also wirklich hoch verschuldet! Ich habe Fehler gemacht. Persönlich und wirklich JEDEN! Fehler, den man machen kann. Ich bin mehrfach und mit wehenden Fahnen gescheitert, habe falsche Entscheidungen getroffen und den falschen Menschen vertraut. Aber – ich habe immer an mich geglaubt. Bin immer wieder aufgestanden. Und zwar mindestens einmal mehr als ich hingefallen bin.

Heute – ca. 25 Jahre später – ergibt sich folgendes Bild. Die Werkstation hat einen guten Ruf und extrem kompetente Mitarbeiter (die meisten sind seit über 20 Jahren dabei). Wir haben viel gelernt. Wir haben wirklich Spaß bei dem was wir tun – und wir lachen viel. Wir haben geniale und besondere Produkte. Wir kommen gerne zur Arbeit. (Fast) jeden Tag. Die Werkstation ist wirklich etwas besonderes – was vielleicht auch dran liegt, dass die ‚Geburt‘ lange gedauert hat und nicht einfach war.

Und dafür bin ich dankbar – wirklich sehr dankbar. Und heute kann ich sagen: Auch wenn es gegen jede Logik ist – aber „Doch, das geht!“

Die Art zu denken

Mai 31st, 2019|

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Die Wüste Negev, ganz im Süden Israels. Karg und felsig. Und die meiste Zeit des Jahres unerbittlich heiß. Für mich ein magischer Ort, fast schon ein ‚zuhause‘.

Nur wenige Menschen kreuzen dort meinen Weg – den ‚Shvil Israel‘. Meist junge Männer und Frauen. Nach Ihrer drei- bzw. zweijährigen Militärzeit ist das eine Art ritualisierter Abschluss. Aber auch Männer in meinem Alter begegnen mir. Das Besondere daran: diese Männer waren alle schon mindestens zweimal in einem Krieg. Und zwar in einem ‚Echten‘. Und doch sehe ich etwas in ihren Augen. Leben! Unbändig, aber vor allem optimistisch und mit viel Zuversicht.

Nach einem fröhlichen ‚Shalom‘ folgen die immer gleichen Fragen an mich: „Hast Du genug zu trinken?“, „Hast du genug zu essen?“ und „Weißt du schon, wo du heute Nacht schläfst?“. Im dann folgenden Gespräch werde ich regelmäßig gefragt: „Woher kommst du?“. „Ich komme aus Deutschland“ sage ich dann. Ein fröhliches „Willkommen!“ und „Schön, dich hier in unserem wunderschönen Land zu haben, Frank aus Deutschland“, schallt mir dann entgegen.

Unsere Gespräche vertiefen sich zumeist. Ein junger Mann hat mir einmal – und dabei blickte er mir freundlich in die Augen – erzählt: „Mein Großvater ist in Dachau gestorben“. Dann hat er mir seine Hand hingestreckt und gesagt: „Danke, dass sich Deutschland so zuverlässig um meine Großmutter gekümmert hat“. „Sie ist“, sagt er weiter, „vor ein paar Monaten im Alter von 96 Jahren verstorben und hatte bis dahin noch ein sehr schönes Leben“. Ich bin beschämt über so viel Weitherzigkeit, Vergebung und Zuversicht.

Ich mag wie die Menschen dort denken. Alles ist auf das Hier und Jetzt gerichtet und die Zukunft wird nicht pessimistisch, sondern lösungsorientiert gedacht. Dazu fällt mir ein jüdischer Witz ein, der diese Art zu denken auf den Punkt bringt.

Gott beschließt, eine neue Sintflut zu schicken. Er ruft die Abgesandten der drei Religionen zu sich und verkündet: „Genug ist genug! Der Mensch ist schlecht und lernt nicht dazu. In drei Tagen ist es vorbei mit der Menschheit“. Und Gott weiter: „Geht hin und verkündet dies euren Schäflein“. Die drei Kirchenführer kehren zurück. Der Papst spricht zu seinen Schäflein: „Hüllt euch in Sack und Asche und tut Buße – das Ende naht“. Der evangelische Bischof spricht: „Uns bleibt nur das inbrünstige Bitten um Gnade, damit ER uns erhöre und das furchtbare Schicksal von uns abwende“. Der Oberrabbiner hingegen tritt vor seine Gemeinde und sagt: „Juden, wir haben noch 72 Stunden Zeit, um zu lernen, wie man unter Wasser lebt“.