Die etwas andere Sicht… 2018-03-15T11:12:37+00:00

Die etwas andere Sicht der Dinge

Diesen Mono(B)log führe ich mehr oder weniger (eher weniger) regelmäßig. Ich gebe Gedanken und Erlebnisse aus dem Unternehmensalltag sowie Geschichten aus dem Nähkästchen zum Besten. Außerdem blicke ich hin und wieder zurück und vergleiche – früher zu heute. Aber auch Dinge aus dem aktuellen Geschehen greife ich auf. Die Ausführungen spiegeln ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und erheben KEINEN Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch :-).

Die Leser haben keine direkte Möglichkeit auf einzelne Einträge zu antworten. Wer unbedingt seinen Senf dazugeben will, kann das unter »tagebuch [at] werkstation.de« gerne tun. Allerdings behalte ich mir vor, Inhalte dieser Mails zu ignorieren oder zu zitieren.

Werkstation Tagebuch

14.10.2016 – Wert-Schätzung…

Heute hat mich die folgende Mail erreicht:

“Lieber Herr Nägele, gern übernehmen wir Ihren Aufwand für Entwicklung, Prototypenbau und Messebau zu 100%. Bitte senden Sie Ihre Rechnung zu Händen von Herrn W., da ich mich 2 Wochen im Urlaub befinde. Vielen Dank an Sie und das Werkstation Team für diese tolle Arbeit und Ihr außergewöhnliches Engagement. Mit freundlichen Grüßen …”

Ein Lob unserer Kunden ist an sich nichts ungewöhnliches :-). Aber diese Mail hat eine ganz besondere Vorgeschichte: Vor ca. 6 Monaten wurde ich gebeten eine Sonderentwicklung zu machen. Der Termin vor Ort mit dem Kunden war außergewöhnlich. Außergewöhnlich entspannt, außerordentlich freundlich – ja fast freundschaftlich und unglaublich erfrischend. Und es ging dabei nicht um Zahlen. Nein – es ging um eine Idee – eine Vision. Ich war begeistert von dem Unternehmen und von dem Vorhaben.

Also haben wir uns darauf eigelassen. Ohne über Zahlen zu sprechen. Wir haben die Entwicklung angepackt. Mit Freude, mit Engagement und mit dem festen Willen, etwas Gutes zu schaffen. Und das ist uns auch gelungen. Aber der Weg war schwer. Wir sind immer wieder gescheitert – mussten mehrere Prototypen bauen. Ich habe die Aufgabe unterschätzt. Und am Ende war der Arbeits- und Zahlenaufwand weit höher als von mir gedanklich veranschlagt.

Und nun? Was tun? Nun – ich habe die Karten einfach auf den Tisch gelegt. Ich habe dem Kunden die Situation beschrieben. Ich habe unsere Bemühungen und unser Scheitern benannt und in Zahlen umgewandelt. Die Summe war groß! Und dann habe ich dem Kunden folgendes unter die Aufstellung geschrieben:

 …was können Sie sich vorstellen, der Werkstation für die erbrachte Leistung zu bezahlen? Sie können sich VÖLLIG frei fühlen. Von 0% bis 100% ist alles möglich. Und es wird von meiner Seite keine Diskussion geben. Sie bestimmen ganz alleine was Sie bezahlen wollen und ich werde das so akzeptieren.

Banges Warten. Wie wird sich der Kunde entscheiden? Nun – er hat sich entschieden. Und über seine Entscheidung habe ich mich sehr gefreut. Es hat mir gezeigt, dass es noch einen Wert-schätzenden Umgang gibt. Auch in der Wirtschaft. Und dafür bin ich dankbar. Sehr sogar.


Update – 21.10.2016: Die Wert-Schätzung zieht sich konsequent durch. Bereits heute (nur drei Tage nach der Rechnungsstellung!) wurde der Rechnungsbetrag unserem Konto gutgeschrieben 🙂

12.07.2016 – Wahr-Sager

“Wie sind ihre Verkaufszahlen für das nächste Jahr?”, fragt mich der Vertriebsmitarbeiter eines Zulieferers. An seinem Blick sehe ich, dass er das ernst meint. “Woher soll ich das denn wissen?”, denke ich und sage das auch. Der dann folgende Gesichtsausdruck meines Gegenübers zeigt mir, dass das wohl nicht exakt dem entspricht, was er als Antwort erwartet hat. Er wartet und schaut mich erwartungsvoll an.

“Mein Chef will von mir einen Forecast für das nächste Jahr – damit er planen kann”, startet er einen neuen Versuch. Ich bleibe stumm – und denke nach. Was genau will der junge Mann von mir? Bin ich etwa ein Vorher-Sager? Ich hole tief Luft und dann sage ich: “Dann ist das wohl das Problem Deines Chefs”. Und weiter sage ich: “…und ich glaube nicht, dass Dein Chef das zu meinem Problem machen kann”.

Wahr-Sager und Vorher-Sager. Das haben wir eine ganze Menge in der Wirtschaft. Und fast immer liegen sie falsch. Forecast – Vorhersage – Kaffeesatzleserei. Wie im Mittelalter – Glaskugel lesen. Druck aufbauen – Angst schüren – Versagen provozieren. Das war schon immer auch ein probates Mittel der Kirchen im Mittelalter – und ist es heute noch. Um die Schäfchen unter Druck zu halten. Unten zu halten.

Ich denke aber, das ist einer der Gründe, warum wir in unserer heutigen Zeit immer mehr psychische Erkrankungen haben. Mit Sorge beobachte ich dieses Phänomen. Menschen kommen unter Druck – Menschen leiden und er-leiden Schiffbruch. Weil Ziele nicht erreicht werden. Weil Ziele – sobald sie erreicht sind – weiter nach oben geschraubt werden. Immer mehr – immer schneller – immer höher. Das macht müde, krank und das ist nicht Art-gerecht. Und es erinnert mich an die Karotte vor dem Esel. Scheinbar erreichbar – tatsächlich unerreichbar. Aber immer vor Augen…

Ich habe auch Ziele. Jeden Morgen. Ich nehme mir beim Aufstehen immer wieder vor, mein Bestes zu geben. Ich gebe auch mein Bestes. Und manchmal ist mein Bestes auch sehr gut – also ausreichend. Aber es gibt auch Tage, da ist mein Bestes gar nicht gut – also ungenügend. Ich bin ein Mensch – mal gut, mal weniger gut. Diese Erkenntnis nimmt mir den Druck. Macht mich frei. Und – ganz nebenbei – ist das Wissen um diese Schwankungen eine gute Erkenntnis für mein ganzes Leben. Es macht mich barmherzig, weitherzig – im Umgang mit mir und meiner menschlichen Fehlbarkeit.

10.05.2016 – Dem Nägele sein Wägele

Jeder Mensch zieht ihn. Seinen persönlichen Lebenswagen. Auch ich. Manchmal ziehe ich kraftvoll. Ich bestimme Tempo und Richtung. Doch manchmal schiebt der Wagen auch mich. Dann habe ich die Kontrolle verloren. Dann bin nicht mehr Herr meines Lebens. Dann bin nicht mehr Hüter meiner Seele.

Mein Lebenswagen ist vollgeladen. Immer. Kinder, Eltern, Freunde, Hobbies, Arbeit, Sport, Freizeit. Vieles davon ist fest verwachsen. Mit mir und mit meinem Leben. Untrennbar – unabladbar. Vieles davon bringt Lebensfreude – Lebenslust. Manches drückt mich. Er-drückt mich. Macht mir das Leben schwer – macht Lebens-müde. Alternativlose Lebenslast?

“Und – läuft bei Dir?” – frage ich meinen Sohn. “Klar”, sagt er, “rückwärts zwar und bergab – aber läuft”. Ich muss lachen. Auch weil in seiner Antwort eine große Wahrheit liegt. Denn – so habe ich den Eindruck – wir legen großen Wert darauf, immer in Bewegung zu sein. Und wenn es kein aktives Ziehen ist, dann wollen wir doch wenigstens geschoben werden. Alles scheint besser als Stillstand. Denn Stillstand ist Rückschritt…

Stillstand ist Rückschritt? Was in unserer Sprache negativ belegt ist, ist mir inzwischen zu einem wertvollen Gut geworden. Zweimal im Jahr begehe ich deshalb meinen persönlichen ‘Wägelestag’. Ich werde still – ich stehe still – und trete ganz leise und bewusst einen Schritt zurück. Meine Perspektive ändert sich. Mein Blickfeld erweitert sich.

Ich betrachte meinen Lebenswagen. Lade ab was mir zu Last geworden ist – räume auf. Das ist Arbeit. Stille, schwere, harte Arbeit. Denn es braucht Mut loszulassen. Es braucht Kraft, den Verlust des Losgelassenen auszuhalten. Und es braucht Ausdauer das Loslassen im Alltag durchzutragen. Das es gelingt auch mir nicht immer! Denn auch bei mir gibt es Dinge, die es sich – eigentlich längst abgeladen – ‘schwuppdiwupp’ wieder bequem machen auf meinem Lebenswagen.

Und doch merke ich nach jedem Wägelestag. Mein ‘Wägele’ ist leichter. Es lässt sich besser ziehen und lenken. Es drückt nicht mehr so sehr – es schiebt nicht mehr so sehr. Und – es bietet wieder Platz. Zum Atmen und zu neuer Freiheit.

10.10.2015 – Geblieben ist Zuversicht

Uli ist gestorben – heute Nachmittag. Gestern Nacht habe ich ihn noch besucht, meinen Freund. Uli war 50 Jahre alt – nur ein paar Wochen älter als ich. Er war ein Macher. Ein Anpacker. Geschäftsführer einer großen Bäckereikette. Dann der Börsengang. Erfolgreich. Aber Uli war auch bodenständig und klug. Hat zum richtigen Zeitpunkt wieder verkauft.

Dann ein Termin beim Arzt. “Legen Sie ihr Handy mal beiseite”, sagt der Arzt nach der Computertomographie, “Sie werden das jetzt mal eine Weile nicht brauchen”. Diagnose: Hirntumor.

Uli war ein Kämpfer. Weit mehr als 10 Jahre hat er dem Leben noch abgerungen. Viele Höhen und Tiefen durchlebt. Hoffen und Bangen. Und seine Frau Regine immer tapfer an seiner Seite. Dann wurde es schlagartig schlechter. Lähmungserscheinungen – Sprachschwierigkeiten. Ich stehe hilflos da – besuche ihn seltener. Kann nur schwer damit umgehen. Bin ratlos. Traurig. Uli tröstet mich. Er mich! Er steht seinen Mann. Wie im Leben, so auch im Sterben. Er jammert nicht. Er lamentiert nicht.

“Uli geht es ganz schlecht – er muss gehen – schon sehr bald”, sagt man mir gestern. Ich fahre zu ihm. Er liegt im Bett – im Wohnzimmer – inmitten seiner Familie und seiner Freunde. Das hat er sich so gewünscht. Uli ist nicht mehr bei sich – er atmet schnell und flach. Ich streichle sein Gesicht, halte seine Hand. Ich weine – fühle mich hilflos.

Eine SMS erreicht mich bei der Gartenarbeit. “Uli ist gestorben” steht da. Mehr nicht – aber auch nicht weniger. Ich setze mich ins Auto – will zu ihm fahren. Ich drehe wieder um. Nur langsam kommt diese Nachricht bei mir an. Im Herzen. Es berührt mich. Mehr als ich dachte.

Uli hat immer wieder gesagt: “Ich freue mich darauf – wenn ich heim gehen darf zu Gott”. Und dann sagte er noch: “Ich wünsche mir sehr, dass es sich nicht lange hin zieht”.

Uli ist jetzt daheim. Bei Gott. Im Himmel. Uli ist nicht mehr da. Er fehlt mir. Sehr. Was bleibt ist die Erinnerung – an ihn und an seine Zuversicht!

10.09.2015 – Grenzen an sich

In regelmäßigen Abständen bekomme ich die immer gleichen Anrufe. “Wir können Ihren Umsatz steigern. Sogar verdoppeln”, heißt es da. Optimistisch und nachdrücklich. Aber das will ich gar nicht. Und die Menschen am anderen Ende können (oder wollen?) das nicht glauben. “Ich bin zufrieden mit dem was ist”, sage ich dann. Ich will und ich KANN nicht noch mehr bewältigen. Denn – eine Steigerung geht immer einher mit der Erhöhung des Einsatzes. Dieser Einsatz ist Lebenszeit, Gesundheit und damit auch ein Stück Freiheit.  Und ich bin nicht (mehr) bereit, diesen Einsatz zu erbringen.

Die Werkstation ist ein kleines – aber feines Unternehmen. Die Produktion ist ausgelagert. Und ich genieße es sehr, dass wir so überschaubar und doch so schlagkräftig sind. Auch unsere Kunden wissen das zu schätzen. Immer mehr.

Ich habe erkannt, dass ich Grenzen habe. Ich anerkenne diese Grenzen. Und ich merke, dass mir das gut tut. Denn Grenzen an sich sind nichts Schlechtes. Sie bewahren vor Überforderung, vor Übermut und vor so manchem Schaden. Ich habe lange gebraucht dies zu erkennen. Habe meine Grenzen oft überschritten. Und jedes mal habe ich einen Preis dafür bezahlt. Gesundheitlich, finanziell oder familiär.

Lange habe ich damit gehadert. Andere können mehr – sind leistungsfähiger – erfolgreicher. Das muss ich doch auch schaffen! Aber ich habe dabei übersehen, dass jeder Mensch seine eigenen Grenzen hat. Und bei jedem Menschen verlaufen sie anders. Mal weiter – mal enger. Und meine Grenzen verlaufen so, dass sie – wenn ich sie achte – genau für mich und mein Leben passend und gut sind. Und ich merke, dass es  innerhalb meiner Grenzen noch viel Raum für Entwicklung gibt. Entwicklung die weiter bringt, zu mir passt und die mir und meinem Leben gut tut.

Es gelingt mir nicht immer – aber immer öfter. Meine Grenzen zu sehen, zu akzeptieren und nicht zu überschreiten…