Die etwas andere Sicht der Dinge

Diesen Mono(B)log führe ich mehr oder weniger (eher weniger) regelmäßig. Ich gebe Gedanken und Erlebnisse aus dem Unternehmensalltag sowie Geschichten aus dem Nähkästchen zum Besten. Außerdem blicke ich hin und wieder zurück und vergleiche – früher zu heute. Aber auch Dinge aus dem aktuellen Geschehen greife ich auf. Die Ausführungen spiegeln ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und erheben KEINEN Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch :-).

Die Leser haben keine direkte Möglichkeit auf einzelne Einträge zu antworten. Wer unbedingt seinen Senf dazugeben will, kann das unter »tagebuch [at] werkstation.de« gerne tun. Allerdings behalte ich mir vor, Inhalte dieser Mails zu ignorieren oder zu zitieren.

Meine Entscheidung

August 28th, 2018|

.

Es ist heiß – sehr heiß. Ich bekomme die Ausschreibung eines (halb-)staatlichen Unternehmens auf den Tisch. 60 (in Worten SECHZIG!) Seiten Vertragswerk für ein paar läppische Terminals. Und irgendwie kommt mir die Ausschreibung bekannt vor. Ich greife zum Telefon und rufe den auf den Unterlagen benannten Ansprechpartner an. Auf meine Anfrage erklärt er mir, dass es sich um die Wiederholung einer alten Anfrage handele.

Und ich erinnere mich. Vor ca. 2 Jahren habe ich die Ausschreibung schon einmal bekommen. Ich habe Zeichnungen erstellt, habe viele Telefonate mit dem potentiellen Auftraggeber geführt. Ich habe das komplette Vertragswerk durchgearbeitet und gewissenhaft ausgefüllt. Fast eine komplette Woche meines Lebens war ich beschäftigt. Mit dem Ergebnis, dass Teile meiner Zeichnungen und Verbesserungsvorschläge in die Ausschreibung eingeflossen sind.

Ein „ganz günstiger Anbieter“ hat dann den Zuschlag erhalten. So zumindest die damalige Aussage des Einkäufers. Ich frage nach, warum es dann damals nicht zur Umsetzung gekommen ist. „Nun“, sagt mir der Kollege am Telefon lapidar, „der damalige Auftragnehmer hat Insolvenz angemeldet und sich ins Ausland abgesetzt“.

Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Und meine Lust zum erneuten Ausfüllen der Unterlagen ebenso. Also mache ich dem Einkauf zwei Alternativvorschläge – nämlich a) Ich fülle dieses Mal zunächst nur das Preisblatt aus und spare mir erst einmal den Rest. Oder b) ich werfe die Unterlagen in den Papierkorb und verbringe die gewonnene Zeit mit meiner Tochter im Freibad.

Lange Zeit keine Reaktion. Dann – kurz vor Ablauf der Abgabefrist – kommt eine Mail (ich vermute mal, dass es dieses Mal nicht viele ‘Bewerber’ gab). Mir wird mitgeteilt, dass ich – wenn ich an der Ausschreibung teilnehmen wolle – die kompletten Unterlagen durcharbeiten und erneut ausfüllen müsse. Oder aber ich müsse mich für die Alternative ‚b)‘ entscheiden.

Ich habe dann meine Tochter zu mir gerufen und wir haben ein Selfie gemacht. Ich weilte nämlich just zum damaligen Zeitpunkt im Freibad. Dann habe ich dem Kollegen aus dem Einkauf die folgende Antwort geschickt: „Angehängtem Foto können Sie meine Entscheidung entnehmen“. Seitdem herrscht Funkstille 🙂

Dem Nägele sein Wägele

August 14th, 2018|

Jeder Mensch zieht ihn. Seinen persönlichen Lebenswagen. Auch ich. Manchmal ziehe ich kraftvoll. Ich bestimme Tempo und Richtung. Doch manchmal schiebt der Wagen auch mich. Dann habe ich die Kontrolle verloren. Dann bin nicht mehr Herr meines Lebens. Dann bin nicht mehr Hüter meiner Seele.

Mein Lebenswagen ist vollgeladen. Immer. Kinder, Eltern, Freunde, Hobbies, Arbeit, Sport, Freizeit. Vieles davon ist fest verwachsen. Mit mir und mit meinem Leben. Untrennbar – unabladbar. Vieles davon bringt Lebensfreude – Lebenslust. Manches drückt mich. Er-drückt mich. Macht mir das Leben schwer – macht Lebens-müde. Alternativlose Lebenslast?

“Und – läuft bei Dir?” – frage ich meinen Sohn. “Klar”, sagt er, “rückwärts zwar und bergab – aber läuft”. Ich muss lachen. Auch weil in seiner Antwort eine große Wahrheit liegt. Denn – so habe ich den Eindruck – wir legen großen Wert darauf, immer in Bewegung zu sein. Und wenn es kein aktives Ziehen ist, dann wollen wir doch wenigstens geschoben werden. Von unseren Terminen, Veranstaltungen oder sonstige Verpflichtungen. Alles scheint besser als Stillstand. Denn Stillstand ist Rückschritt…

Stillstand ist Rückschritt? Was in unserer Sprache negativ belegt ist, ist mir inzwischen zu einem wertvollen Gut geworden. Zweimal im Jahr begehe ich deshalb meinen persönlichen ‘Wägelestag’. Ich werde still – ich stehe still – und trete ganz leise und bewusst einen Schritt zurück. Meine Perspektive ändert sich. Mein Blickfeld erweitert sich.

Ich betrachte meinen Lebenswagen. Lade ab was mir zu Last geworden ist – räume auf. Das ist Arbeit. Stille, schwere, harte Arbeit. Denn es braucht Mut loszulassen. Es braucht Kraft, den Verlust des Losgelassenen auszuhalten. Und es braucht Ausdauer das Loslassen im Alltag durchzutragen. Das gelingt auch mir nicht immer! Denn auch bei mir gibt es Dinge, die es sich – eigentlich längst abgeladen – ‘schwuppdiwupp’ wieder bequem machen auf meinem Lebenswagen.

Und doch merke ich nach jedem Wägelestag. Mein ‘Wägele’ ist leichter. Es lässt sich besser ziehen und lenken. Es drückt nicht mehr so sehr – es schiebt nicht mehr so sehr. Und – es bietet wieder Platz. Zum Atmen und zu neuer Freiheit.

Doch, das geht!

Juni 6th, 2018|

.

Ein junger Mann – so um die 25 – kommt zu mir. Er bittet mich um einen Rat für seine ‘Geschäftsidee’. Er nennt mir die folgenden Eckpunkte. Er sagt: “Ich habe keine wirkliche Geschäftsidee – ich möchte jetzt einfach mal starten”. Außerdem sagt er: “Ich habe kein Startkapital, meine Mitarbeiter sind nicht wirklich qualifiziert für den Job”. “Aber”, so schließt er seine Ausführungen ab, “jetzt mieten wir uns mal ein Gebäude und dann wird sich der Rest schon ergeben”. Seine Augen strahlen.

Ich habe ja nun schon vieles gehört. Aber so ein Schwachsinn ist mir noch nicht untergekommen. Ich frage ihn: “Welche Ausbildung haben Deine Mitarbeiter”? “Nun”, erklärt er mir stolz, “Ich bin gelernter Bundespolizist, mein zukünftiger Controller ist ein ehemaliger Richter und Staatsanwalt, meine Assistentin ist gelernte Zahnarzthelferin, dann ist da noch ein KfZ-Elektroniker mit Schwerbehinderten- ausweis, mein zukünftiger EDV-Mann hat nach der 8. Klasse die Schule abgebrochen, und ein weiterer Kollege hat gar keine Ausbildung”. “Aber”, so fügt er an, “der kann dann eine Ausbildung bei uns machen”. “Was für ein Vollidiot”, denke ich bei mir. “Der hat null Ahnung, null Erfahrung und keinen Plan”. “Das klappt niemals”.

Hat aber geklappt und ist genau so passiert. Und der Vollidiot bin ich. Ich, der Chef der Werkstation. Ehemaliger Bulle und blauäugiger Träumer. Ich hatte eine verrückte Idee – und die lautete: “Ich will etwas bewegen – ich will eine eigene Firma haben und Chef sein”!

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ich habe angefangen Terminals zu bauen. Dabei habe ich mich verschuldet. Also wirklich hoch verschuldet! Ich habe Fehler gemacht. Persönlich und wirklich JEDEN! Fehler, den man machen kann. Ich bin mehrfach und mit wehenden Fahnen gescheitert, habe falsche Entscheidungen getroffen und den falschen Menschen vertraut. Aber – ich habe immer an mich geglaubt. Bin immer wieder aufgestanden. Und zwar mindestens einmal mehr als ich hingefallen bin.

Heute – ca. 25 Jahre später – ergibt sich folgendes Bild. Die Werkstation hat einen guten Ruf und extrem kompetente Mitarbeiter (die meisten sind seit über 20 Jahren dabei). Wir haben viel gelernt. Wir haben wirklich Spaß bei dem was wir tun – und wir lachen viel. Wir haben geniale und besondere Produkte. Wir kommen gerne zur Arbeit. (Fast) jeden Tag. Die Werkstation ist wirklich etwas besonderes – was vielleicht auch dran liegt, dass die ‘Geburt’ lange gedauert hat und nicht einfach war.

Und dafür bin ich dankbar – wirklich sehr dankbar. Und heute kann ich sagen: Auch wenn es gegen jede Logik ist – aber “Doch, das geht!”

Wahr-Sager

Juli 12th, 2016|

“Wie sind ihre Verkaufszahlen für das nächste Jahr?”, fragt mich der Vertriebsmitarbeiter eines Zulieferers. An seinem Blick sehe ich, dass er das ernst meint. “Woher soll ich das denn wissen?”, denke ich und sage das auch. Der dann folgende Gesichtsausdruck meines Gegenübers zeigt mir, dass das wohl nicht exakt dem entspricht, was er als Antwort erwartet hat. Er wartet und schaut mich erwartungsvoll an.

“Mein Chef will von mir einen Forecast für das nächste Jahr – damit er planen kann”, startet er einen neuen Versuch. Ich bleibe stumm – und denke nach. Was genau will der junge Mann von mir? Bin ich etwa ein Vorher-Sager? Ich hole tief Luft und dann sage ich: “Dann ist das wohl das Problem Deines Chefs”. Und weiter sage ich: “…und ich glaube nicht, dass Dein Chef das zu meinem Problem machen kann”.

Wahr-Sager und Vorher-Sager. Das haben wir eine ganze Menge in der Wirtschaft. Und fast immer liegen sie falsch. Forecast – Vorhersage – Kaffeesatzleserei. Wie im Mittelalter – Glaskugel lesen. Druck aufbauen – Angst schüren – Versagen provozieren. Das war schon immer auch ein probates Mittel der Kirchen im Mittelalter – und ist es heute noch. Um die Schäfchen unter Druck zu halten. Unten zu halten.

Ich denke aber, das ist einer der Gründe, warum wir in unserer heutigen Zeit immer mehr psychische Erkrankungen haben. Mit Sorge beobachte ich dieses Phänomen. Menschen kommen unter Druck – Menschen leiden und er-leiden Schiffbruch. Weil Ziele nicht erreicht werden. Weil Ziele – sobald sie erreicht sind – weiter nach oben geschraubt werden. Immer mehr – immer schneller – immer höher. Das macht müde, krank und das ist nicht Art-gerecht. Und es erinnert mich an die Karotte vor dem Esel. Scheinbar erreichbar – tatsächlich unerreichbar. Aber immer vor Augen…

Ich habe auch Ziele. Jeden Morgen. Ich nehme mir beim Aufstehen immer wieder vor, mein Bestes zu geben. Ich gebe auch mein Bestes. Und manchmal ist mein Bestes auch sehr gut – also ausreichend. Aber es gibt auch Tage, da ist mein Bestes gar nicht gut – also ungenügend. Ich bin ein Mensch – mal gut, mal weniger gut. Diese Erkenntnis nimmt mir den Druck. Macht mich frei. Und – ganz nebenbei – ist das Wissen um diese Schwankungen eine gute Erkenntnis für mein ganzes Leben. Es macht mich barmherzig, weitherzig – im Umgang mit meinen Mitmenschen – aber auch mit mir und meiner menschlichen Fehlbarkeit.

Auf dass wir klug werden

Januar 4th, 2016|

.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt gehetzt. Es ist einer unserer Lieferanten. Er gibt alles. Immer! „Noch vier Jahre Vollgas – dann geht’s ab in die Rente“, sagt er oft. Ich kenne ihn schon lange und weiß um seinen Gesundheitszustand. Vor einiger Zeit lag er im Krankenhaus. Herzprobleme – ganz massiv. Sie haben ihm irgendwas ‚eingebaut‘ – zur Unterstützung. Doch bereits im Krankenhaus hat er seine Arbeit wieder aufgenommen. Heute – durch die neuen Medien – problemlos möglich.

Weiter – immer weiter. Und wenn es ein Problem gibt, wird nicht etwa das Tempo reduziert, sondern die ‚Maschine‘ wird frisiert, um das Tempo weiter halten zu können. Durch Medikament oder mit Hilfe der Technik. Was auch meist gelingt – zumindest kurzfristig.

Weiter – immer weiter. So denken viele Menschen und so hat auch meine Mutter gedacht. „Wenn wir in Rente sind, DANN lassen wir es uns gut gehen und machen all die Dinge, zu denen wir jetzt keine Zeit haben“, so war ihr Wunsch. Leider wurde daraus nichts. Mit 60 Jahren – und somit viel zu früh – ist sie verstorben.

Weiter – immer weiter. Das ist gegen das Leben gedacht und das selbige nach hinten geschoben. Es wird vergessen und verleugnet, dass das Leben heute, im Hier und Jetzt passiert. Und das ist dumm. Denn dumm ist, der Dummes tut – oder eben auch Kluges unterlässt. Mir kommt da eine Geschichte aus der Bibel in den Sinn:

Lukas 12, 16 – 20: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen könnte. Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast?

Auch mir passiert das. Immer wieder. Ich lasse mich hetzen – oder hetze mich selbst. Überschreite meine Grenzen. Plane und denke das Morgen – ohne das Heute zu leben. Und dabei ist es doch klar und logisch formuliert: Psalm 90, 12: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden! Ich wünsche mir, dass ich klüger werde. Jeden Tag ein bisschen mehr…

Geblieben ist Zuversicht

Oktober 10th, 2015|

Uli ist gestorben – heute Nachmittag. Gestern Nacht habe ich ihn noch besucht, meinen Freund. Uli war 50 Jahre alt – nur ein paar Wochen älter als ich. Er war ein Macher. Ein Anpacker. Geschäftsführer einer großen Bäckereikette. Dann der Börsengang. Erfolgreich. Aber Uli war auch bodenständig und klug. Hat zum richtigen Zeitpunkt wieder verkauft.

Es folgt ein Termin beim Arzt. “Legen Sie ihr Handy mal beiseite”, sagt der Arzt nach der Computertomographie, “Sie werden das jetzt mal eine Weile nicht brauchen”. Diagnose: Hirntumor.

Uli war ein Kämpfer. Weit mehr als 10 Jahre hat er dem Leben noch abgerungen. Viele Höhen und Tiefen durchlebt. Hoffen und Bangen. Und seine Frau immer tapfer an seiner Seite. Dann wurde es schlagartig schlechter. Lähmungserscheinungen – Sprachschwierigkeiten. Ich stehe hilflos da – besuche ihn seltener. Kann nur schwer damit umgehen. Bin ratlos. Traurig. Uli tröstet mich. Er mich! Er steht seinen Mann. Wie im Leben, so auch im Sterben. Er jammert nicht. Er lamentiert nicht.

“Uli geht es ganz schlecht – er muss gehen – schon sehr bald”, sagt man mir gestern. Ich fahre zu ihm. Er liegt im Bett. Im Wohnzimmer und inmitten seiner Familie und seiner Freunde. Das hat er sich so gewünscht. Uli ist nicht mehr bei sich. Er atmet schnell und flach. Ich streichle sein Gesicht, halte seine Hand. Ich weine – fühle mich hilflos.

Eine WhatsApp-Nachricht erreicht mich bei der Gartenarbeit. “Uli ist gestorben” steht da. Mehr nicht – aber auch nicht weniger. Ich setze mich ins Auto – will zu ihm fahren. Ich drehe wieder um. Nur langsam kommt diese Nachricht bei mir an. Im Herzen. Es berührt mich. Mehr als ich dachte.

Uli hat immer wieder gesagt: “Ich freue mich darauf – wenn ich heim gehen darf zu Gott”. Und dann sagte er noch: “Ich wünsche mir sehr, dass es sich nicht lange hin zieht”.

Uli ist jetzt daheim. Bei Gott. Im Himmel. Uli ist nicht mehr da. Er fehlt mir. Sehr. Was bleibt ist die Erinnerung – an ihn und an seine Zuversicht!

Mehr Beiträge laden