Auf dass wir klug werden

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Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt gehetzt. Es ist einer unserer Lieferanten. Er gibt alles. Immer! „Noch vier Jahre Vollgas – dann geht’s ab in die Rente“, sagt er oft. Ich kenne ihn schon lange und weiß um seinen Gesundheitszustand. Vor einiger Zeit lag er im Krankenhaus. Herzprobleme – ganz massiv. Sie haben ihm irgendwas ‚eingebaut‘ – zur Unterstützung. Doch bereits im Krankenhaus hat er seine Arbeit wieder aufgenommen. Heute – durch die neuen Medien – problemlos möglich.

Weiter – immer weiter. Und wenn es ein Problem gibt, wird nicht etwa das Tempo reduziert, sondern die ‚Maschine‘ wird frisiert, um das Tempo weiter halten zu können. Durch Medikament oder mit Hilfe der Technik. Was auch meist gelingt – zumindest kurzfristig.

Weiter – immer weiter. So denken viele Menschen und so hat auch meine Mutter gedacht. „Wenn wir in Rente sind, DANN lassen wir es uns gut gehen und machen all die Dinge, zu denen wir jetzt keine Zeit haben“, so war ihr Wunsch. Leider wurde daraus nichts. Mit 60 Jahren – und somit viel zu früh – ist sie verstorben.

Weiter – immer weiter. Das ist gegen das Leben gedacht und das selbige nach hinten geschoben. Es wird vergessen und verleugnet, dass das Leben heute, im Hier und Jetzt passiert. Und das ist dumm. Denn dumm ist, der Dummes tut – oder eben auch Kluges unterlässt. Mir kommt da eine Geschichte aus der Bibel in den Sinn:

Lukas 12, 16 – 20: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen könnte. Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast?

Auch mir passiert das. Immer wieder. Ich lasse mich hetzen – oder hetze mich selbst. Überschreite meine Grenzen. Plane und denke das Morgen – ohne das Heute zu leben. Und dabei ist es doch klar und logisch formuliert: Psalm 90, 12: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden! Ich wünsche mir, dass ich klüger werde. Jeden Tag ein bisschen mehr…