Drei Kategorien

Zwischen Abitur und Studium habe ich bei einem großen Energiekonzern als Aushilfe gearbeitet. Ich wurde zu einem sehr eigenwilligen Mitarbeiter der mittleren Managementebene ins Büro gesteckt. Seine erste Amtshandlung in unserer Zusammenarbeit war mir zu erklären, welche Arten von Menschen es im Unternehmen gibt. „Es gibt Dackel, Psychopaten und solche die Einfluss auf meinen Gehalt haben“ sagte er. „Und genau so muss man sie auch behandeln“.

 

Ich war – neben anderen Hilfstätigkeiten – auch seine ‚Telefondame‘ und hatte also die Aufgabe, ihm die Dackel und die Psychopaten vom Hals zu halten. Diejenigen aber, die Einfluss auf seinen Gehalt hatten, musste ich sehr bevorzugt behandeln! Er hat zu mir gesagt: „Herr Nägele – wenn sie das Telefon abnehmen, dann wiederholen Sie laut den Namen des Anrufers und schauen zu mir“.“Wenn ich nicke, dann stellen Sie in zu mir durch – wenn ich aber mit dem Kopf schüttele (wenn also ein Dackel oder Psychopath am anderen Ende der Leitung war :-), dann sagen sie einfach, dass ich nicht da bin“.

 

Ich habe sehr schnell festgestellt, dass es ungleich mehr Dackel und Psychopaten als Gehaltsbeeinflusser im Unternehmen gab. Dies hatte zur Folge, dass ich quasi den ganzen Tag gelogen habe. Das habe ich auch getan – und zwar genau drei Tage lang. Dann aber hat mich mein schlechtes Gewissen gepackt und ich habe meinen Chef zum Gespräch gebeten. Ich habe ihm mitgeteilt, dass ich zukünftig nicht mehr lügen würde – aber er hat mir nicht geglaubt und weiter auf die (für ihn bewährte) Vorgehensweise bestanden. Nachdem ich ihn aber ein paar Mal ins Messer habe laufen lassen (und er es satt hatte, ständig mit Dackeln und Psychopathen zu telefonieren), hat er mich zum Gespräch gebeten – und es kam zum Machtkampf – den ich gewonnen habe. Ich habe ihm nämlich mitgeteilt, dass er mich dann entlassen müsse – mit der Begründung, dass ich NICHT lügen wolle. Und das war sogar ihm nicht ganz einleuchtend :-).

 

Ich habe ihm denn folgenden ‚Kompromiss‘ vorgeschlagen: Direkt neben dem Schreibtisch meines Chefs stand ein großer Schrank. Und dahinter sollte er sich immer dann verdrücken, wenn ein Mensch der Kategorie ‚Dackel‘ oder ‚Psychopath‘ anrief. Ich nannte also laut den Namen und er stand auf und ging hinter den Schrank. Dann konnte ich wahrheitsgemäß sagen: „Ich sehe Herrn H. gerade nicht – kann ich ihm was ausrichten?“. Damit haben wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: ich musste nicht mehr lügen – und er konnte etwas für seine Fitness tun. Denn bewegt hat er sich ab da schon sehr viel 🙂

 

Wir haben übrigens noch mehr als drei Jahr GUT zusammengearbeitet und irgendwie hat ihn meine Sturheit wohl auch beeindruckt – denn gleich nach dieser Aktion hat er mir das Du angeboten. Aber damals habe ich für mich beschlossen, dass ich NIEMALS in einem Großkonzern arbeiten möchte! 🙂