Leichen im Keller

Einen erstaunlichen Anruf erhielt ich vor ca. 2 Jahren. Ein EDV-Mensch (wohl in einer etwas höheren Position – sein Name war Herr B…) war am anderen Ende der Leitung. Er rief von München aus an – aus dem Haus eines großen Versicherungskonzerns.

 

B..: »Grüß Gott Herr Nägele – ich möchte Ihnen gerne ein paar Terminals verkaufen«

ich: »Sie meinen wohl ‘kaufen’ – nicht ‘verkaufen’. Oder?«

B..: »Nein – ich meine schon ‘verkaufen’. Wir haben vor ca. 4 Jahren (in Worten VIER!) bei Ihnen 5 Terminalsysteme gekauft. Die sind nun originalverpackt und unbenutzt bei uns im Keller ‘aufgetaucht’«

ich: »Warum waren die Terminals denn abgetaucht? fragte ich schnippisch – wurden sie polizeilich gesucht?«

 

Während des Gesprächs hatte ich den Datensatz des Kunden aufgerufen und tatsächlich. Die Versicherung hatte ein paar Jahre zuvor 5 Terminals gekauft. Aber nicht von der Stange – sondern RICHTIG aufwändige (und deshalb auch teure) Systeme mit allem Schnickschnack (WebCam, Kartenleser, spezieller Drucker und viele Dinge mehr). Und ich konnte mich auch noch an den Auftrag erinnern. Wir haben uns echt total verausgabt, denn die Terminals mussten damals GANZ SCHNELL geliefert werden, weil der Kunde sie UNBEDINGT brauchte.

Und jetzt wusste ich auch warum. Die brauchten die Geräte, um den freigewordenen Platz in ihrem Keller damit zu bestücken. Und dieser wichtige Einsatzzweck leuchtete mir dann auch sofort ein :-). Nun also wollte der Herr B…, dass ich die Terminals wieder zurückkaufe. Wahrscheinlich brauchte er den Platz im Keller für neue Lagerware.

 

B..: »Ich würde Ihnen die Geräte für 70% des damaligen Preises überlassen« (An seiner Stimme konnte ich hören, dass er das ernst meinte und er sich sicher war, dass ich das Angebot nicht ausschlagen kann).

ich: »Herr B… – ich will nicht unhöflich sein. Aber 4 Jahre sind in der EDV eine SEHR lange Zeit. Die Rechnersysteme sind veraltet und auch der Rest wird durch die (sicher artgerechte) Haltung in Ihrem Keller nicht wirklich besser. Außerdem handelt es sich bei den Terminals um Sonderentwicklungen für Ihr Haus. Damit kann kein anderer Kunde wirklich etwas anfangen. Ich gebe Ihnen 100 Euro pro Gerät und lasse die Teile kostenneutral für Sie abholen. Dann entstehen Ihnen keine weiteren Kosten für die Entsorgung«

Von da an kippte die Aussprache meines Gesprächspartners ins bayrische und wurde derber. Ich meine das Wort “Halsabschneider” gehört zu haben. Aber das war mir egal :-). Zum Schluss sagte er noch etwas von “nie mehr einen Auftrag von uns” – und dann legte er auch schon auf.

Telefon: »Tuuuut – tuuuut – tuuuut«

 

Das Schöne an so großen Unternehmen ist aber, dass die Menschen ihre Position sehr schnell wechseln und auch sehr schnell vergessen. Wir haben inzwischen weitere Aufträge bekommen. Und ich gehe fest davon aus, dass die Teile noch immer im Keller stehen.