Die etwas andere Sicht der Dinge

Diesen Mono(B)log führe ich mehr oder weniger (eher weniger) regelmäßig. Ich gebe Gedanken und Erlebnisse aus dem Unternehmensalltag sowie Geschichten aus dem Nähkästchen zum Besten. Außerdem blicke ich hin und wieder zurück und vergleiche – früher zu heute. Aber auch Dinge aus dem aktuellen Geschehen greife ich auf. Die Ausführungen spiegeln ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und erheben KEINEN Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch :-).

Die Leser haben keine direkte Möglichkeit auf einzelne Einträge zu antworten. Wer unbedingt seinen Senf dazugeben will, kann das unter »tagebuch [at] werkstation.de« gerne tun. Allerdings behalte ich mir vor, Inhalte dieser Mails zu ignorieren oder zu zitieren.

Kabelsalat

September 12th, 2011|

Große Projekte bei großen Konzernen haben ihre eigenen Regeln. So auch ein Projekt mit einem großen deutschen Telekommunikationsunternehmen. Es ging um viele viele (also wirklich VIELE) TFT-Displays, die in einzelnen Niederlassungen installiert werden sollten. Aus einem mir nicht wirklich ersichtlichen Grund musste das TFT-Display in sämtliche Einzelkomponenten aufgeteilt – also quasi (fast) jede Schraube separat bepreist werden. Das ganze mündete schließlich in einer grotesken Preisverschieberei. Irgendwie hatte das wohl mit einzelnen Kostenstellen und der Übernahme der jeweiligen Kosten zu tun. Ich vermute jedoch, dass es (mal wieder) um einen internen Machtkampf ging.

 

Zum Schluss – aber auch schon im Verlauf des Projekts – hatten alle (aber wirklich ALLE!) Beteiligten den Überblick verloren und die Preisgestaltung widersprach JEDER Logik (und nebenbei auch dem gesunden Menschenverstand :-). Denn wir hatten z.B. beim Display – bei einem Verkaufspreis von ca. 250 Euro – einen Deckungsbeitrag von schlappen 5 Euro. Beim VGA-Kabel hingegen hatten wir einen unglaublichen Deckungsbeitrag von 2000% (in Worten ZWEITAUSEND! Prozent). D.h. wir haben ein Kabel für weniger als einen Euro eingekauft und für knapp 20! Euro wieder verkauft.

 

Mir machte das Angst – aber ich hatte keine Wahl – denn so waren die Regeln. Und als junger Unternehmer (das Ganze ist schon ein paar Jahre her) schluckt man so manche Kröte. Aber ich wusste auch, dass es NIEMALS passieren darf, dass nur TFT-Displays bei uns bestellt werden. Und dann kam es doch so – der Kunde bestellte (Achtung – halten Sie sich fest) 1.000! Stk. VGA-Kabel. Mir wurde ganz übel und ich dachte noch bei mir: „die haben sie nicht alle“. Heute weiß ich es genau – die hatten sie wirklich nicht alle :-).

 

Aber meine christliche Erziehung zeigte Wirkung – ich bekam ein schlechtes Gewissen. Also habe ich zum Hörer gegriffen und den Einkäufer (ein gewisser Herr G…) angerufen. Das Gespräch lief in etwa so ab (Gedächtnisprotokoll!):

ich: »Hallo Herr G… – ich habe hier eine Bestellung von Ihnen, die kann ich so nicht ausführen«

G..: »Warum nicht?«

ich: »Na weil der Preis viel zu hoch ist – ich kann ihnen nicht ein einfaches Kabel für 20 Euro/Stk. verkaufen. Könnt ihr nicht die Kabel woanders kaufen – da sind sie viel günstiger?«

G..: »Nein – das geht nicht. Das Gesamtsystem ist mit Ihren Kabeln getestet. Ein anderer Lieferant müsste erst von uns zertifiziert werden«

ich: »Ja – aber ich habe ein schlechtes Gewissen. Wir sollten den Preis für die VGA-Kabel noch mal besprechen weil… (Herr G… fällt mir barsch ins Wort)«

G..: »Jetzt passen Sie mal auf Nägele – wenn ich den Preis in meinem SAP-System ändern will, dann brauche ich 4 (in Worten VIER!) Unterschriften – und das dauert mindestens 6 (in Worten SECHS!) Wochen. Also zicken Sie nicht rum und liefern Sie die VGA-Kabel wie vereinbart. Sonst war das der letzter Auftrag von uns« (Herr G… knallt den Hörer auf das Telefon).

Telefon: »Tuuuut – tuuuut – tuuuut«

 

Mein schlechtes Gewissen war mit einem Schlag weg. Wir haben die Kabel geliefert. Und ich dachte noch bei mir: „Schon eine geile Software – dieses SAP“. Herr G… ist inzwischen entlassen worden (irgendwelche Unregelmäßigkeiten – welcher Art auch immer). Kann ich mir gar nicht vorstellen. Unregelmäßigkeiten trotz SAP? 🙂

Ausgesetzt

August 5th, 2011|

Wir hatten eine Anfrage von einem großen Konzern. Wir sollten VIELE Terminals liefern. Aber – die Sache hatte mehrere Haken (oder müsste das ‚Häken‘ heißen? :-). Und die waren in einem fast 100-seitigen Vertragswerk des Konzerneinkaufs aufgelistet – dem „Rahmenvertrag zur IT-Beschaffung“. Aus meiner Sicht hätte man den Rahmenvertrag in einem Satz zusammenfassen können. Der Satz würde dann in etwa so lauten: „Wir kaufen etwas bei einem Lieferanten – der Lieferant ist immer schuld wenn was nicht funktioniert – die Garantiezeit beträgt 150 Jahre – und überhaupt ist der Lieferant mit Leistung der Unterschrift rechtelos – aber pflichtenbeladen – und bezahlt wird frühestens in 6 Monaten“.

 

In einem (wesentlichen) Punkt konnten wir uns aber – zumindest teilweise – dursetzen: Denn in Anlage 3 auf Seite 78/VI-454 – Abschnitt IIXB – Unterabschnitt 4712-A04 – Nr. 1.1.2.3.4.5.6.99ff in der Version vom 29.08.2010 stand unter der der Überschrift: „Code of Conduct“ der folgende (wunderschöne) Satz: „Jegliche Formen von Zwang sind verboten. Die Anwendung von körperlichen Strafen, nötigenden mentalen oder physischen Zwangs sowie Beleidungen und Beschimpfungen von Mitarbeitern des Zulieferers sind verboten!“

 

Was ein Mist. Damit wurde unsere bis dahin gelebte Firmenphilosophie ad absurdum geführt. All das machen wir täglich – und somit konnten wir nicht unterschreiben. Wir haben beim Kunden also folgenden Kompromissvorschlag eingereicht (und wer mich kennt der weiß – das ist KEIN Witz!): „Wir werden die bisher übliche öffentliche Prügelstrafe für ungehorsame Mitarbeiter/innen vorübergehend aussetzen. Und beleidigt wird bei uns sowieso nur der Chef“.

 

Und was soll ich sagen? Wir haben den Auftrag tatsächlich bekommen! Und natürlich haben wir – nach Abschluss dieses Projekts – die öffentliche Prügelstrafe UMGEHEND wieder eingeführt 🙂

Der gesenkte Kopf

April 18th, 2011|

Gestern habe ich meinen Sohn in die Polizeischule gefahren. Er macht dort eine Ausbildung. Vor der Unterkunft saßen viele junge Polizeiazubis (die nennt man dann Polizeianwärter) auf einer Bank. Und ich konnte nicht fassen was ich da gesehen habe. Von 10 Polizeischülern hatten 7 (in Worten: SIEBEN!) ein iPhone. Noch mehr erschreckt hat mich allerdings: Alle Köpfe waren gesenkt und die Finger waren auf dem Display unterwegs. Wer kein eigenes iPhone hatte, schaute beim Nachbarn rein. Kommunikation untereinander? NULL!

 

Mein Sohn hatte mir schon davon erzählt. Und er hat damals gesagt: „Papa – ich bin so froh, dass ich kein iPhone habe“. Und gestern ist mir einmal mehr klar geworden, was für einen klugen Sohn ich doch habe. Mich hat dieses Erlebnis aus zwei Gründen nachdenklich gemacht. Zum einen hat inzwischen JEDER so ein Gerät und mein iPhone wird dadurch »abgewertet«. Und zweitens verkümmert durch diese Geräte jede zwischenmenschliche Kommunikation.

 

Mir ist außerdem bewusst geworden, dass ich diese gesenkte Kopfhalten inzwischen fast überall sehe. Jeder ist mit sich selbst und seinem sogenannten »Kommunikationsgerät« beschäftigt. Die Wahrheit aber ist, dass es sich um einen wahren Kommunikationskiller handelt.

Digitale Tauschgeschäfte

April 15th, 2011|

Vor vielen Jahren hatten wir Kinderterminals im Portfolio. Die Kinder konnten über einen Touchscreen verschiedene Spiele spielen – wie z.B. »Malen nach Zahlen«, »Memory« oder »Erkenne den Unterschied«. Zwei Banken aus den neuen Bundesländern (damals – kurz nach der Wende – durfte man das noch sagen) haben – unabhängig voneinander – jeweils eins dieser Geräte erworben. Der Einfachheit halber nennen ich sie »A-Bank« und »B-Bank«.

 

Eines Tages klingelte mein Telefon. Es war die A-Bank. Eine männliche Stimme sagte mir mit einem unüberhörbar sächsischem Dialekt: „Der Terminal stinkt“. Ich frage nach: „Was macht das Terminal?“. „Der Terminal stinkt“, wiederholte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Mir war sofort klar, dass wir für dieses Problem keine schnelle – und vor allem keine telefonische Lösung finden würden. Trotzdem frage ich höflich nach: „Kann es sein, dass sich eine Maus (die inzwischen vielleicht verstorben ist) in das Terminal eingenistet hat?“. „Nein“, war die Antwort, „Der Terminal stinkt, als ob er demnächst in die Luft geht“. Spätestens jetzt wurde mir die Sache zu heiß. Als ehemaliger Polizist lief bei mir sofort die Routine für potentielle Bombenfunde ab. Ich habe gesagt: „Fassen Sie nichts an – wir holen das Terminal sofort ab!“

 

Fast zeitglich – ein Anruf von der B-Bank. „Der Terminal malt ögger“, piepste eine weibliche Stimme, „Immer wenn man auf den lila Farbeimer toucht, dann malt der Terminal ögger“. Es ging offensichtlich um das »Malen nach Zahlen«. Dort konnte man ein Bild mit dem Finger ausmalen. Und bevor man z.B. das Dach des Hauses ausmalte, wählte man mit dem Finger den roten Farbtopf. Und hier muss es wohl so gewesen sein, dass der lila Farbtopf die falsche Farbe in sich trug. „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen – und was um alles in der Welt ist ögger?“. Irgendwann war mir klar: Gemeint war die Farbe Ocker (für alle die noch immer rätseln: Ocker sind Erdfarben). Auch für dieses Problem gab es keine schnelle Lösung. Denn ich hatte keine Idee, wie ich telefonisch die Farbe des lilanen Farbtopfes hätte tauschen sollen.

Also haben wir beide Terminals zurück geholt. Wir rochen und malten lila was das Zeug hielt. Aber weder stank das eine Terminal – noch malte das andere Ocker. Wir schickten die Terminals also zurück – und schon kurze Zeit später wiederholte sich das Ganze noch einmal. Laut Aussage der beiden Banken stank der eine Terminal – während der andere fröhlich »öggerte«. DREI MAL hatten wir die Geräte hier – und ich die Faxen dicke.

 

Mir war klar, dass wir die Terminals austauschen mussten. Ich rief also schweren Herzens bei den Banken an und ich bot den kostenlosen Austausch der Geräte an. Wohl wissend, dass uns das eine Menge Geld kosten würde. Zu meinem Techniker sage ich noch (mit Tränen in den Augen): „Herr Petermann – wir müssen die beiden Geräte austauschen“. Und genau das hat er auch gemacht. Das Gerät von der A-Bank hat er zur B-Bank geschickt – das B-Bank-Terminal ging zur A-Bank (ohne mein Wissen!). Und – Sie vermuten richtig: Wir haben nie wieder etwas von A- und B-Bank gehört – und hatten für immer unsere Ruhe. Wie einfach doch manchmal die Lösung ist!