Die etwas andere Sicht der Dinge

Diesen Mono(B)log führe ich mehr oder weniger (eher weniger) regelmäßig. Ich gebe Gedanken und Erlebnisse aus dem Unternehmensalltag sowie Geschichten aus dem Nähkästchen zum Besten. Außerdem blicke ich hin und wieder zurück und vergleiche – früher zu heute. Aber auch Dinge aus dem aktuellen Geschehen greife ich auf. Die Ausführungen spiegeln ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und erheben KEINEN Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch :-).

Die Leser haben keine direkte Möglichkeit auf einzelne Einträge zu antworten. Wer unbedingt seinen Senf dazugeben will, kann das unter »tagebuch [at] werkstation.de« gerne tun. Allerdings behalte ich mir vor, Inhalte dieser Mails zu ignorieren oder zu zitieren.

10.11.2011 – Leichen im Keller

November 10th, 2011|

Einen erstaunlichen Anruf erhielt ich vor ca. 2 Jahren. Ein EDV-Mensch (wohl in einer etwas höheren Position – sein Name war Herr B…) war am anderen Ende der Leitung. Er rief von München aus an – aus dem Haus eines großen Versicherungskonzerns.


B..: »Grüß Gott Herr Nägele – ich möchte Ihnen gerne ein paar Terminals verkaufen«

ich: »Sie meinen wohl ‚kaufen‘ – nicht ‚verkaufen‘. Oder?«

B..: »Nein – ich meine schon ‚verkaufen‘. Wir haben vor ca. 4 Jahren (in Worten VIER!) bei Ihnen 5 Terminalsysteme gekauft. Die sind nun originalverpackt und unbenutzt bei uns im Keller ‚aufgetaucht’«

ich: »Warum waren die Terminals denn abgetaucht? fragte ich schnippisch – wurden sie polizeilich gesucht?«


Während des Gesprächs hatte ich den Datensatz des Kunden aufgerufen und tatsächlich. Die Versicherung hatte ein paar Jahre zuvor 5 Terminals gekauft. Aber nicht von der Stange – sondern RICHTIG aufwändige (und deshalb auch teure) Systeme mit allem Schnickschnack (WebCam, Kartenleser, spezieller Drucker und viele Dinge mehr). Und ich konnte mich auch noch an den Auftrag erinnern. Wir haben uns echt total verausgabt, denn die Terminals mussten damals GANZ SCHNELL geliefert werden, weil der Kunde sie UNBEDINGT brauchte.

Und jetzt wusste ich auch warum. Die brauchten die Geräte, um den freigewordenen Platz in ihrem Keller damit zu bestücken. Und dieser wichtige Einsatzzweck leuchtete mir dann auch sofort ein :-). Nun also wollte der Herr B…, dass ich die Terminals wieder zurückkaufe. Wahrscheinlich brauchte er den Platz im Keller für neue Lagerware.


B..: »Ich würde Ihnen die Geräte für 70% des damaligen Preises überlassen« (An seiner Stimme konnte ich hören, dass er das ernst meinte und er sich sicher war, dass ich das Angebot nicht ausschlagen kann).

ich: »Herr B… – ich will nicht unhöflich sein. Aber 4 Jahre sind in der EDV eine SEHR lange Zeit. Die Rechnersysteme sind veraltet und auch der Rest wird durch die (sicher artgerechte) Haltung in Ihrem Keller nicht wirklich besser. Außerdem handelt es sich bei den Terminals um Sonderentwicklungen für Ihr Haus. Damit kann kein anderer Kunde wirklich etwas anfangen. Ich gebe Ihnen 100 Euro pro Gerät und lasse die Teile kostenneutral für Sie abholen. Dann entstehen Ihnen keine weiteren Kosten für die Entsorgung«

Von da an kippte die Aussprache meines Gesprächspartners ins bayrische und wurde derber. Ich meine das Wort „Halsabschneider“ gehört zu haben. Aber das war mir egal :-). Zum Schluss sagte er noch etwas von „nie mehr einen Auftrag von uns“ – und dann legte er auch schon auf.

Telefon: »Tuuuut – tuuuut – tuuuut«


Das Schöne an so großen Unternehmen ist aber, dass die Menschen ihre Position sehr schnell wechseln und auch sehr schnell vergessen. Wir haben inzwischen weitere Aufträge bekommen. Und ich gehe fest davon aus, dass die Teile noch immer im Keller stehen.

12.09.2011 – Kabelsalat

September 12th, 2011|

Große Projekte bei großen Konzernen haben ihre eigenen Regeln. So auch ein Projekt mit einem großen deutschen Telekommunikationsunternehmen. Es ging um viele viele (also wirklich VIELE) TFT-Displays, die in einzelnen Niederlassungen installiert werden sollten. Aus einem mir nicht wirklich ersichtlichen Grund musste das TFT-Display in sämtliche Einzelkomponenten aufgeteilt – also quasi (fast) jede Schraube separat bepreist werden. Das ganze mündete schließlich in einer grotesken Preisverschieberei. Irgendwie hatte das wohl mit einzelnen Kostenstellen und der Übernahme der jeweiligen Kosten zu tun. Ich vermute jedoch, dass es (mal wieder) um einen internen Machtkampf ging.


Zum Schluss – aber auch schon im Verlauf des Projekts – hatten alle (aber wirklich ALLE!) Beteiligten den Überblick verloren und die Preisgestaltung widersprach JEDER Logik (und nebenbei auch dem gesunden Menschenverstand :-). Denn wir hatten z.B. beim Display – bei einem Verkaufspreis von ca. 250 Euro – einen Deckungsbeitrag von schlappen 5 Euro. Beim VGA-Kabel hingegen hatten wir einen unglaublichen Deckungsbeitrag von 2000% (in Worten ZWEITAUSEND! Prozent). D.h. wir haben ein Kabel für weniger als einen Euro eingekauft und für knapp 20! Euro wieder verkauft.


Mir machte das Angst – aber ich hatte keine Wahl – denn so waren die Regeln. Und als junger Unternehmer (das Ganze ist schon ein paar Jahre her) schluckt man so manche Kröte. Aber ich wusste auch, dass es NIEMALS passieren darf, dass nur TFT-Displays bei uns bestellt werden. Und dann kam es doch so – der Kunde bestellte (Achtung – halten Sie sich fest) 1.000! Stk. VGA-Kabel. Mir wurde ganz übel und ich dachte noch bei mir: „die haben sie nicht alle“. Heute weiß ich es genau – die hatten sie wirklich nicht alle :-).


Aber meine christliche Erziehung zeigte Wirkung – ich bekam ein schlechtes Gewissen. Also habe ich zum Hörer gegriffen und den Einkäufer (ein gewisser Herr G…) angerufen. Das Gespräch lief in etwa so ab (Gedächtnisprotokoll!):

ich: »Hallo Herr G… – ich habe hier eine Bestellung von Ihnen, die kann ich so nicht ausführen«

G..: »Warum nicht?«

ich: »Na weil der Preis viel zu hoch ist – ich kann ihnen nicht ein einfaches Kabel für 20 Euro/Stk. verkaufen. Könnt ihr nicht die Kabel woanders kaufen – da sind sie viel günstiger?«

G..: »Nein – das geht nicht. Das Gesamtsystem ist mit Ihren Kabeln getestet. Ein anderer Lieferant müsste erst von uns zertifiziert werden«

ich: »Ja – aber ich habe ein schlechtes Gewissen. Wir sollten den Preis für die VGA-Kabel noch mal besprechen weil… (Herr G… fällt mir barsch ins Wort)«

G..: »Jetzt passen Sie mal auf Nägele – wenn ich den Preis in meinem SAP-System ändern will, dann brauche ich 4 (in Worten VIER!) Unterschriften – und das dauert mindestens 6 (in Worten SECHS!) Wochen. Also zicken Sie nicht rum und liefern Sie die VGA-Kabel wie vereinbart. Sonst war das der letzter Auftrag von uns« (Herr G… knallt den Hörer auf das Telefon).

Telefon: »Tuuuut – tuuuut – tuuuut«


Mein schlechtes Gewissen war mit einem Schlag weg. Wir haben die Kabel geliefert. Und ich dachte noch bei mir: „Schon eine geile Software – dieses SAP“. Herr G… ist inzwischen entlassen worden (irgendwelche Unregelmäßigkeiten – welcher Art auch immer). Kann ich mir gar nicht vorstellen. Unregelmäßigkeiten trotz SAP? 🙂

05.08.2011 – Ausgesetzt

August 5th, 2011|

Wir hatten eine Anfrage von einem großen Konzern. Wir sollten VIELE Terminals liefern. Aber – die Sache hatte mehrere Haken (oder müsste das ‚Häken‘ heißen? :-). Und die waren in einem fast 100-seitigen Vertragswerk des Konzerneinkaufs aufgelistet – dem „Rahmenvertrag zur IT-Beschaffung“. Aus meiner Sicht hätte man den Rahmenvertrag in einem Satz zusammenfassen können. Der Satz würde dann in etwa so lauten: „Wir kaufen etwas bei einem Lieferanten – der Lieferant ist immer schuld wenn was nicht funktioniert – die Garantiezeit beträgt 150 Jahre – und überhaupt ist der Lieferant mit Leistung der Unterschrift rechtelos – aber pflichtenbeladen – und bezahlt wird frühestens in 6 Monaten“.


In einem (wesentlichen) Punkt konnten wir uns aber – zumindest teilweise – dursetzen: Denn in Anlage 3 auf Seite 78/VI-454 – Abschnitt IIXB – Unterabschnitt 4712-A04 – Nr. 1.1.2.3.4.5.6.99ff in der Version vom 29.08.2010 stand unter der der Überschrift: „Code of Conduct“ der folgende (wunderschöne) Satz: „Jegliche Formen von Zwang sind verboten. Die Anwendung von körperlichen Strafen, nötigenden mentalen oder physischen Zwangs sowie Beleidungen und Beschimpfungen von Mitarbeitern des Zulieferers sind verboten!“


Was ein Mist. Damit wurde unsere bis dahin gelebte Firmenphilosophie ad absurdum geführt. All das machen wir täglich – und somit konnten wir nicht unterschreiben. Wir haben beim Kunden also folgenden Kompromissvorschlag eingereicht (und wer mich kennt der weiß – das ist KEIN Witz!): „Wir werden die bisher übliche öffentliche Prügelstrafe für ungehorsame Mitarbeiter/innen vorübergehend aussetzen. Und beleidigt wird bei uns sowieso nur der Chef“.


Und was soll ich sagen? Wir haben den Auftrag tatsächlich bekommen! Und natürlich haben wir – nach Abschluss dieses Projekts – die öffentliche Prügelstrafe UMGEHEND wieder eingeführt 🙂

18.04.2011 – der gesenkte Kopf

April 18th, 2011|

Gestern habe ich meinen Sohn in die Polizeischule gefahren. Er macht dort eine Ausbildung. Vor der Unterkunft saßen viele junge Polizeiazubis (die nennt man dann Polizeianwärter) auf einer Bank. Und ich konnte nicht fassen was ich da gesehen habe. Von 10 Polizeischülern hatten 7 (in Worten: SIEBEN!) ein iPhone. Noch mehr erschreckt hat mich allerdings: Alle Köpfe waren gesenkt und die Finger waren auf dem Display unterwegs. Wer kein eigenes iPhone hatte, schaute beim Nachbarn rein. Kommunikation untereinander? NULL!


Mein Sohn hatte mir schon davon erzählt. Und er hat damals gesagt: „Papa – ich bin so froh, dass ich kein iPhone habe“. Und gestern ist mir einmal mehr klar geworden, was für einen klugen Sohn ich doch habe. Mich hat dieses Erlebnis aus zwei Gründen nachdenklich gemacht. Zum einen hat inzwischen JEDER so ein Gerät und mein iPhone wird dadurch »abgewertet«. Und zweitens verkümmert durch diese Geräte jede zwischenmenschliche Kommunikation.


Mir ist außerdem bewusst geworden, dass ich diese gesenkte Kopfhalten inzwischen fast überall sehe. Jeder ist mit sich selbst und seinem sogenannten »Kommunikationsgerät« beschäftigt. Die Wahrheit aber ist, dass es sich um einen wahren Kommunikationskiller handelt.