Die etwas andere Sicht… 2017-10-06T11:54:07+00:00

Die etwas andere Sicht der Dinge…

Der Werkstation Mono(B)log

Diesen Mono(B)log führe ich mehr oder weniger (eher weniger) regelmäßig. Ich gebe Gedanken und Erlebnisse aus dem Unternehmensalltag sowie Geschichten aus dem Nähkästchen zum Besten. Außerdem blicke ich hin und wieder zurück und vergleiche – früher zu heute. Aber auch Dinge aus dem aktuellen Geschehen greife ich auf. Die Ausführungen spiegeln ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und erheben KEINEN Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch :-).

 

Die Leser haben keine direkte Möglichkeit auf einzelne Einträge zu antworten. Wer unbedingt seinen Senf dazugeben will, kann das unter »tagebuch [at] werkstation.de« gerne tun. Allerdings behalte ich mir vor, Inhalte dieser Mails zu ignorieren oder zu zitieren.

15.04.2011 – digitale Tauschgeschäfte

Vor vielen Jahren hatten wir Kinderterminals im Portfolio. Die Kinder konnten über einen Touchscreen verschiedene Spiele spielen – wie z.B. »Malen nach Zahlen«, »Memory« oder »Erkenne den Unterschied«. Zwei Banken aus den neuen Bundesländern (damals – kurz nach der Wende – durfte man das noch sagen) haben – unabhängig voneinander – jeweils eins dieser Geräte erworben. Der Einfachheit halber nennen ich sie »A-Bank« und »B-Bank«.

 

Eines Tages klingelte mein Telefon. Es war die A-Bank. Eine männliche Stimme sagte mir mit einem unüberhörbar sächsischem Dialekt: „Der Terminal stinkt“. Ich frage nach: „Was macht das Terminal?“. „Der Terminal stinkt“, wiederholte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Mir war sofort klar, dass wir für dieses Problem keine schnelle – und vor allem keine telefonische Lösung finden würden. Trotzdem frage ich höflich nach: „Kann es sein, dass sich eine Maus (die inzwischen vielleicht verstorben ist) in das Terminal eingenistet hat?“. „Nein“, war die Antwort, „Der Terminal stinkt, als ob er demnächst in die Luft geht“. Spätestens jetzt wurde mir die Sache zu heiß. Als ehemaliger Polizist lief bei mir sofort die Routine für potentielle Bombenfunde ab. Ich habe gesagt: „Fassen Sie nichts an – wir holen das Terminal sofort ab!“

 

Fast zeitglich – ein Anruf von der B-Bank. „Der Terminal malt ögger“, piepste eine weibliche Stimme, „Immer wenn man auf den lila Farbeimer toucht, dann malt der Terminal ögger“. Es ging offensichtlich um das »Malen nach Zahlen«. Dort konnte man ein Bild mit dem Finger ausmalen. Und bevor man z.B. das Dach des Hauses ausmalte, wählte man mit dem Finger den roten Farbtopf. Und hier muss es wohl so gewesen sein, dass der lila Farbtopf die falsche Farbe in sich trug. „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen – und was um alles in der Welt ist ögger?“. Irgendwann war mir klar: Gemeint war die Farbe Ocker (für alle die noch immer rätseln: Ocker sind Erdfarben). Auch für dieses Problem gab es keine schnelle Lösung. Denn ich hatte keine Idee, wie ich telefonisch die Farbe des lilanen Farbtopfes hätte tauschen sollen.

Also haben wir beide Terminals zurück geholt. Wir rochen und malten lila was das Zeug hielt. Aber weder stank das eine Terminal – noch malte das andere Ocker. Wir schickten die Terminals also zurück – und schon kurze Zeit später wiederholte sich das Ganze noch einmal. Laut Aussage der beiden Banken stank der eine Terminal – während der andere fröhlich »öggerte«. DREI MAL hatten wir die Geräte hier – und ich die Faxen dicke.

 

Mir war klar, dass wir die Terminals austauschen mussten. Ich rief also schweren Herzens bei den Banken an und ich bot den kostenlosen Austausch der Geräte an. Wohl wissend, dass uns das eine Menge Geld kosten würde. Zu meinem Techniker sage ich noch (mit Tränen in den Augen): „Herr Petermann – wir müssen die beiden Geräte austauschen“. Und genau das hat er auch gemacht. Das Gerät von der A-Bank hat er zur B-Bank geschickt – das B-Bank-Terminal ging zur A-Bank (ohne mein Wissen!). Und – Sie vermuten richtig: Wir haben nie wieder etwas von A- und B-Bank gehört – und hatten für immer unsere Ruhe. Wie einfach doch manchmal die Lösung ist!

12.04.2011 – Du tickst ja wohl nicht richtig

Mein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung wird hörbar nervös. Im Hintergrund höre ich sein Handy klingeln. „Entschuldigen Sie mich einen Moment – ich muss mal kurz an mein Handy“, sagt er. Ich warte und höre wie er den anderen Anrufer begrüßt. Es vergeht eine Zeit – ich lege auf. Weil ich genervt bin.

 

Einfach aufzulegen ist nicht die feine englische Art – das weiß ich wohl. Aber noch unhöflicher ist es, mit zwei Menschen gleichzeitig zu telefonieren. Und irgendwie muss ich meinem Gesprächspartner doch klar machen, dass mich seine Art der »Nichtwertschätzung« ärgert. Der Mensch ist nicht in der Lage, mehrere Dinge auf einmal zu erledigen. Das habe ich nicht nur gelesen – sondern auch bei mir festgestellt. Ich bin in der Beziehung eher ein Einzeller. Und ich bin dieser »Doppelbelastung« nicht gewachsen.

 

Um mich besser auf mein Gegenüber / meinen Gesprächspartner konzentrieren zu können, habe ich zwei Dinge bei mir geändert:

1) ich habe die Funktion »Anklopfen« bei meinem Büro-Telefon ausgeschaltet. Bei einem zweiten Anruf kommt das Belegtzeichen.

2) wenn ich im Büro bin, dann schalte ich mein Handy aus – bzw. den Flugmodus ein!

Jetzt muss ich nur noch lernen, dass ich während eines Telefonats keine Mails mehr lese. Denn das ist auch so eine blöde Angewohnheit von mir. Und immer wenn ich mich dabei ertappe, dann sage ich mir: „Hey Mr. Wichtig, Du tickst wohl nicht richtig“*. Und ich versuche mich GANZ auf meinen Gesprächspartner zu konzentrieren. Denn das erwarte ich auch von ihm – und darum darf er es auch von mir erwarten! Das hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Und mir tut es auch gut.

 

*ich will nicht den gleichen Fehler machen wie der Kollege zu Guttenberg. Also: die obige Textzeile stammt aus einem Lied der Gruppe Tick Tack Toe.

17.03.2011 – Budgets

Budgets am Jahresende sind eine irrwitzige Sache. Wer sein Budget in diesem Jahr nicht ausschöpft – bekommt es im nächsten Jahr nicht mehr. Wer also spart wird bestraft. Dieses Prinzip habe ich nie wirklich verstanden und ich werde das wohl auch nie verstehen. Es handelt sich hierbei definitiv um ein außerschwäbisches Prinzip. Aber – lesen Sie selbst:

 

„Wie viele Terminals bekommen wir für EUR 20.000,–?“. Die Stimme am anderen Ende des Telefons klingt leicht gehetzt. „Keine Ahnung“ sage ich, „es kommt darauf an welches Modell und welche Ausführung sie wollen“. Dann wird der Mann am anderen Ende der Leitung deutlicher. „Wir brauchen die Rechnung noch heute – machen Sie uns ein Angebot über Terminals im Wert von EUR 20.000,–. Die Details und die genaue Anzahl klären wir dann im Juli des nächsten Jahres“.

 

Wir schreiben also eine Auftragsbestätigung – und sofort auch die Rechnung an die uns benannte Adresse. Bereits am nächsten Tag kommt ein Scheck über den kompletten Rechnungsbetrag. Das war das letzte Lebenszeichen des Auftraggebers – ein Mitarbeiter eines großen deutschen Automobilkonzerns. Wir haben NIE wieder etwas von ihm gehört. Das war vor inzwischen über 6 (in Worten: SECHS!) Jahren. Die bezahlten Geräte wurden NIE abgeholt. Und wir haben sie nie produziert. Warum auch?

04.03.2011 – Restrisiko

Wir haben vor 3 Jahren ein Terminal verkauft. Normalerweise verlangen wir bei Erstkunden IMMER Vorkasse. Nur dieses eine Mal haben wir eine Ausnahme gemacht. Lieferung auf Rechnung. Warum weiß ich heute auch nicht mehr. Und es ist gehörig schief gegangen. Der Kunde hat nicht bezahlt – wir haben gemahnt. Dann hat der Kunde bezahlt. Zumindest einen ersten Teilbetrag. Nach langem hin und her wurden weitere Teilzahlungen vereinbart und teilweise auch erbracht. Irgendwann hatten wir dann ca. 50% der Gesamtforderung auf unserem Konto und mein Dulles meinte: „Das ist ein Erfolg“. So dachte ich auch.

 

Nach fast 2 (in Worten ZWEI) Jahren kam ein Schreiben vom Insolvenzverwalter und er hat uns aufgefordert, die 50%-ige Teilzahlung wieder komplett an die inzwischen insolvente Firma zurückzuzahlen. „Was für ein Traumtänzer“, habe ich zu meinem Dulles gesagt – und ich habe überheblich gelächelt. „Nein“, hat mein Dulles mir dann erklärt, „so ganz unrecht hat der Insolvenzverwalter nicht“.

 

Genau kann ich es nicht erklären – ich bin kein Jurist. Aber es ist in etwa so: Wenn ein Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten kommt (die sogenannte drohende Zahlungsunfähigkeit), dann darf es keine weiteren Zahlungen an einzelne Gläubiger leisten. Wenn es das trotzdem tut, dann ist das eine Bevorzugung von einzelnen Gläubigern. Und das darf nicht sein. Denn durch eine Insolvenz sollen alle Gläubiger die gleiche Chance auf den – zumindest anteiligen – Ausgleich ihrer Forderungen haben. Wenn in der Situation also Zahlungen getätigt werden, dann kann der Insolvenzverwalter dieses Geld zurückfordern – und zwar noch ZIEMLICH lange!

 

Das Problem in unserem Fall war also, dass wir von der drohenden Zahlungsunfähigkeit des Kunden hätten wissen müssen (durch den schleppenden Zahlungsvorgang). Und weil wir das quasi wussten, hätten wir das Geld nicht annehmen dürfen! Hört sich komisch an – ist aber so.

Kurz: wir haben uns mit dem Insolvenzverwalter verständigt und einen Teilbetrag vom Teilbetrag zurückbezahlt. Lustig fand ich das nicht. Aber mein Dulles hat gesagt: „Wir können auch klagen – aber ein Restrisiko bleibt und es kostet noch mal Geld und vor allem – es kostet UNSER Geld“. Recht hat er. Der Insolvenzverwalter hat es da leichter. Er prozessiert mit Steuergeldern. Er hat nichts zu verlieren. Unser Insolvenzrecht ist in manchen Teilen echt spannend.

17.02.2011 – Elternabend

Gestern war ich beim Elternabend. Einer meiner drei Söhne geht ins Schullandheim. Oh – wie ich diese Abende liebe. Wie wichtig sind doch alle Eltern heute. Früher war klar: wenn mein Sprössling schlecht ist, ist er ein fauler Hund. Heute liegt es an den unfähigen Lehrern, an zu großen Klassen oder an dem Schulsystem im Ganzen. Ich kann mich noch genau erinnern. Unsere Lehrer waren nicht immer die klügsten – unsere Klasse hatte 43! (in Worten dreiundvierzig) Schüler und bei uns gab es früher einen Teil von (und das meine ich nicht abwertend) »einfach strukturierten« Mitschülern. Das waren trotzdem oder gerade deshalb Pfundskerle und man konnte Pferde mit ihnen stehlen. Aber die finde ich heute nirgendwo mehr. Offensichtlich hat die Evolution diese Spezies ausradiert. Alle Kinder heute sind superhelle. Und ganz besonders immer die eigenen – die sind dann oft auch schon seit der Geburt an Eliteuniversitäten vorgemerkt 🙂

 

Aber zurück zum Thema Schullandheim. Alle Eckpunkte waren geklärt und dann sagt die Lehrerin: „Ach noch was – Handys werden abends eingesammelt – und morgens wieder ausgeteilt“. Ich dachte ich höre nicht richtig. Ich wende ein: „Warum überhaupt Handys?“. Hätte ich nicht tun sollen. Denn ein Teil der Elternschaft wollte mich (zumindest verbal) lynchen. „Mein Sohn muss mich im Notfall erreichen können“ quietscht eine Mutter fast hysterisch. „Was machen wir, wenn sich die Kinder verlaufen und keine Handys dabei haben?“ – fragt leicht weinerlich eine andere Mama. „Stimmt“ sage ich ironisch, „das habe ich gar nicht bedacht“. Und ich füge hinzu: „Was haben wir früher eigentlich in solchen Situationen gemacht?“. „Nun“, fahre ich fort, „wir haben uns zusammengerauft – vielleicht auch mal geheult und gegenseitig geklopft – aber wir sind alle groß geworden“. „Und außerdem hege ich den Verdacht, dass die Kinder nicht die Eltern, sondern die Eltern die Kinder erreichen wollen“.

 

Da war vielleicht was los. Es kam zur Kampfabstimmung und – was soll ich sagen? Ich habe mich durchgesetzt :-). Aber seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, die Sicherheitsvorkehrungen an meinem Häusle zu überprüfen. Denn – ich habe mir nicht nur Freunde gemacht. Und mein Sohn hat es sicher morgen auch nicht leicht in der Schule. Aber da muss er durch. Er kennt ja seinen Papa.

 

Nachtrag: Es kam wie es kommen musste. Die Lehrerin ist eingeknickt – die Kinder haben die Handys doch mitnehmen dürfen. Ich wurde darüber natürlich NICHT informiert. Irgendwie haben die Erwachsenen heute einfach keinen Arsch mehr in der Hose. Obwohl ich beim Elternabend deutlich sehen konnte, dass genau das Gegenteil der Fall ist (sorry – aber das konnte ich mir in diesem Fall einfach nicht verkneifen).

12.02.2011 – Mein Haus, mein Auto, mein iPhone

Heute war ich bei einem Kunden und wie ich aus dem Auto aussteige, klingelt mein iPhone. Ich nehme den Anruf an – als mich plötzlich jemand an meiner Hose zupft. „Ist das ein iPhone4?“, fragt mich eine Kinderstimme. Ich schaue mich um und blicke auf Gürtelhöhe in das Gesicht eines vielleicht 5-jährigen jungen Mannes. „Ja“, sage ich. „Das ist ein iPhone4“. Kurze Pause. „Mein Papa hat auch so ein iPhone4“, sagt er dann. Am Gesichtsausdruck des Jungen meine ich einen gewissen Triumph zu erkennen. Wieder kurze Pause. Ich gehe in die Hocke. Unsere Augen sind jetzt auf gleicher Höhe, unsere Nasen berühren sich fast. Ich hole tief Luft – und mit großem Nachdruck höre ich mich folgenden Satz sagen: „Junger Mann – ich habe nicht nur EIN iPhone4 – sondern ich habe VIER! iPhones“. Ein entsetzter Gesichtsausdruck bei meinem kleinen Gegenüber war die Folge! Der Junge dreht sich wortlos um und zieht ab. Ich glaube er hat geweint.

 

Das Siegeslächeln in meinem Gesicht hat mindestens zwei Stunden angehalten. Danach jedoch habe ich mich echt schlecht gefühlt. Aber es musste sein. Und – ich würde es wieder tun. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder x-Beliebige Papa ein iPhone4 hat? Für mich steht fest: Es war reine Notwehr!