Die etwas andere Sicht… 2017-12-19T16:06:35+00:00

Die etwas andere Sicht der Dinge

Diesen Mono(B)log führe ich mehr oder weniger (eher weniger) regelmäßig. Ich gebe Gedanken und Erlebnisse aus dem Unternehmensalltag sowie Geschichten aus dem Nähkästchen zum Besten. Außerdem blicke ich hin und wieder zurück und vergleiche – früher zu heute. Aber auch Dinge aus dem aktuellen Geschehen greife ich auf. Die Ausführungen spiegeln ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und erheben KEINEN Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch :-).

Die Leser haben keine direkte Möglichkeit auf einzelne Einträge zu antworten. Wer unbedingt seinen Senf dazugeben will, kann das unter »tagebuch [at] werkstation.de« gerne tun. Allerdings behalte ich mir vor, Inhalte dieser Mails zu ignorieren oder zu zitieren.

06.02.2013 – Grippewelle

Eine Grippewelle rollt über Deutschland hinweg. Die Wartezimmer sind überfüllt. Auch mich hat es erwischt. Ich bin schlapp – müde – die Glieder schmerzen – Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Ich gehe sofort zum Arzt und hoffe er verschreibt mir etwas, was mich schnellstmöglich wieder ‘einsatzbereit’ macht. Denn – ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen. Krank sein ist heute negativ belegt. Man leistet nichts – drückt sich – lässt die Kollegen im Stich. Und dann ist da auch noch die Angst, dass man etwas verpasst oder am Ende gar entbehrlich wird.


Ich besuche einen guten Freund. Wir treffen uns alle paar Wochen zum Gespräch – wir reden so über dies und das und ich mag es sehr, dass er mein Leben aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und mir auch so manchen guten Rat geben kann. “Wie geht es Dir”?, fragt er mich. “Ich bin krank”, sage ich geknickt und beschreibe ihm meine Symptome. “Schön”, sagt er. “Genießt Du das auch”? “Genießen”? – frage ich überrascht. “Ja”, sagt er und fährt fort: “Ich war vor zwei Wochen auch krank – und ich habe es genossen”. “Meine Frau hat mich umsorgt und verwöhnt, meine Kinder haben mich unterstützt. Ich musste keine Termine wahrnehmen, keine anstrengenden Telefonate führen”. Und dann sagte er – mit einem breiten Lächeln im Gesicht: “Ich habe krank GEFEIERT – und das hat mir richtig gut getan”.


Auf dem Nachhauseweg habe ich noch lange nachgedacht. In Gedanken bin ich zurück in meine Kindheit gegangen. Und ich konnte es förmlich spüren. Wenn ich als Kind krank war, dann war meine Mama ganz besonders fürsorglich – ganz besonders liebevoll. Sie hat mich umsorgt – sie hat mich gepflegt – und sie hat mir mein Lieblingsessen gekocht :-). Ich durfte krank ‘feiern’ – keine Schule, keine Aufgaben im Haushalt, keine sonstigen Verpflichtungen. Ich durfte mich einfach fallen lassen und in Ruhe gesund werden!


Das fehlt (mir) heute – aber ich will das für mich wieder lernen. Denn krank wird man meistens dann, wenn Körper und Seele das brauchen. Innehalten (was für ein altmodisch anmutendes Wort), die Seele baumeln lassen, fünf gerade sein lassen und einfach krank feiern. Und ich habe mir fest vorgenommen: beim nächsten Mal ‘feiere’ ich auch!

12.08.2012 – Ja – die Natur…

Größer, schneller, weiter… Schon einige Zeit beobachte ich, stellvertretend und verstärkt im Smartphone und Tablet-Markt, dass die Anhängerschaft dieser Geräte in regelmäßigen Abständen enttäuscht ist von ‘neuen’ Produkten. ‘Nur’ ein größeres oder besseres Display – ‘nur’ ein schnellerer Prozessor – ‘nur’ eine Weiterentwicklung des Vorgängermodells. Die aus den hohen Erwartungen gespeiste Enttäuschung schlägt sich dann meist auch sehr schnell in sinkenden Aktienkursen nieder. Es wird gar die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens angezweifelt.


Früher war das doch noch anders. Und ich frage mich dann schon, wo das noch alles hingehen soll? Niemals zuvor wurden in so kurzer Zeit so viele bahnbrechende Neuentwicklungen vorgestellt, noch niemals war die Anzahl der zur Verfügung stehenden Ausführungen so groß – aber auch noch nie vorher war die Reaktion bei Nichterfüllung so brutal.


Und – ich gebe das offen zu – auch ich habe mich davon beeinflussen lassen – auch ich habe mich mitreißen lassen von diesem Wahn. Auch die Produktlebenszyklen bei uns wurden kürzer – die Abstände zwischen den Vorstellungen neuer Produkte immer kleiner. Und – ich war mehr und mehr gefrustet darüber, dass auch bei uns Produkte übereilt – unausgegoren und suboptimal entwickelt auf den Markt geworfen wurden. Nur um immer um vorne mit dabei zu sein. Daraus resultierte, dass wir in der Folgezeit immer mehr Zeit für das Beheben von Fehlern und die Instandsetzung von nicht ganz reibungslos funktionierenden Produkten aufbringen mussten. Die Arbeit machte weniger Spaß – war nervenaufreibend und in höchstem Maße unbefriedigend.


Diesen Frust habe ich unserem Entwicklungschef mitgeteilt und er hat – nach einer längeren Zeit des Nachdenkens – den folgenden Satz zu mir gesagt: “Die Natur braucht neun Monate für ein sehr gutes Produkt – warum bilden wir uns ein, dass wir schneller sein müssen”?. Das hat mich zum Nachdenken gebracht und schlussendlich überzeugt. Und ich habe beschlossen unseren Produkten mehr Zeit zum Reifen zu geben. Außerdem halten wir länger an Bewährtem fest. Und was soll ich sagen? Wir merken immer mehr, dass uns das auf der einen Seite weniger Geld kostet, weniger Stress verursacht und unser Kunden es SEHR zu schätzen wissen, dass sie bei uns langfristig verfügbare und langlebige Produkte bekommen. Außerdem hat sich unser Serviceaufwand so stark reduziert, dass ich nur staunen kann!

11.07.2012 – Fehler

Ich bin Unternehmer – und kein Unterlasser. Ich mache Fehler – viele Fehler sogar. Und lange Zeit hatte ich damit Probleme. Denn – Fehler kosten fast immer Geld und Fehler werden in unserer Gesellschaft bestraft und nicht gefördert. Und folgerichtig geben sich alle große Mühe keine Fehler zu machen. Und das führt (leider – und gerade auch in Großunternehmen) dazu, dass man möglichst wenig tut – keine Entscheidungen mehr trifft – alles VORHER genau abwägt und möglichst wenig ausprobiert. Ideale Voraussetzungen also für einen Stillstand – und einen Burnout bei den Mitarbeitern.


Wir in der Werkstation haben dagegen ein Mittel gefunden. Es gibt bei uns schon seit ein paar Jahren ein internes Verrechnungskonto – und das heißt: Fehlerkonto. Ich habe für Fehler ein Jahresbudget von  € XX.000,– festgelegt – und nein – das genau Budget tut hier nichts zur Sache :-). Und jedes Mal wenn wir jetzt einen Fehler machen, dann schreiben wir den daraus resultierenden ‘Fehlbetrag’ diesem Konto gut.


Und es wirkt tatsächlich. Ich bin nicht mehr gefrustet. Fast das Gegenteil ist der Fall. Ich freue mich immer wieder, wenn ich das Konto am Jahresende nicht überzogen habe. Und das war bisher noch NIE der Fall! BTW – meine Mitarbeiter können das Konto mit ihren Fehlern natürlich auch ‘belasten’.


So ein Konto ist echt hilfreich und entlastend – und ich kann das jedem Unternehmen nur empfehlen. Denn – die begangenen Fehler machen mich auch jedes Mal a bissle schlauer – und ich werde immer etwas erfahrener. Meist stellt sich sogar heraus, dass sich durch begangene Fehler neue Wege auftun und neue Möglichkeiten ergeben. Manche Fehler führen sogar dazu, dass am Ende ein noch besseres Produkt herauskommt. Also – lasst uns viel mehr Fehler machen. Oder um es mit den Worten von Martin Luther zu sagen: “sündige tapfer” 🙂

03.07.2012 – Das Benzin Hoffnung

Wer in der Werkstation anruft und weiterverbunden wird, hört in der Warteschleife ein besonderes Lied. Ein Kind singt “der Siebte Sinn” von Herbert Grönemeyer. Und das kam so:


Ich habe eine Wette verloren. Mein Wetteinsatz war, dass ich o.a. Lied gesanglich und instrumental (Klavier) zum Besten geben muss.  Weil ich aber zum damaligen Zeitpunkt das Klavier seit mehr als 20 Jahre nicht mehr angefasst – geschweige denn’ bespielt’ hatte, hat es mich viel Zeit und Mühe gekostet das Lied zu erlernen. Aber – ich war fleißig – und übte fast jeden Tag.


Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass mein damals fünfjähriger Sohn das Lied komplett auswendig mitsingen konnte. Es gab zwar kleine textliche Abweichungen vom Original – aber insgesamt war das Ergebnis doch hörenswert und die Stimme erweicht das Herz :-). Also habe ich ihn kurzerhand zu einem Freund geschleppt. Mein Sohn hat das Lied EINMAL gesungen und wir haben es aufgenommen – und das Ergebnis ist unsere Warteschleife.


Den meisten Kunden gefällt’s – langjährige Kunden wünschen sich manchmal auch etwas Abwechslung. Mir gefällt’s auch – also wird das Lied wohl solange laufen, bis unsere Telefonanlage den Geist aufgibt.


Und wer will, kann sich das Lied hier komplett anhören – viel Spaß beim Hören 🙂

16.05.2012 – Telefonkonferenzen – das Allheilmittel

Telkos scheinen für große Unternehmen eine Art Allheilmittel zu sein. Ich nenne sie schlicht: Verbalonanie. Wenn nichts mehr geht, der Karren in den Dreck gefahren ist und keiner – aber wirklich GAR KEINER mehr weiß um was geht, dann – macht man eine Telko. Die heilige Telko-Zeremonie beginnt damit, dass man eine E-Mail bekommt – mit Datum, Uhrzeit und Einwahlnummer sowie einem Code. Dann kommt der große Tag – falls die Telko nicht ein ums andre mal verschoben wird. Und dann befindet man sich in einer ‘virtuellen Wartehalle’. Mein Rekord waren 26 (in Worten SECHSUNDZWANZIG!) wichtige Menschen. Das war übrigens bei einem großen Telekommunikationsunternehmen!


Gestern also wähle ich mich ein – ich bin einer der ersten – und um ein Gefühl für die Anzahl der Teilnehmer zu bekommen, erzähle ich nach zwei Minuten einen Witz. An der Resonanz – dem Gelächter – kann ich erkennen, dass in etwa 6 Teilnehmer ‘anwesend’ sein müssen. Die Telko füllt sich zuhörends und jedes Mal wenn ein neuer Teilnehmer hinzu kommt, ertönt ein Piepton. Es piepst also noch ca. 5 mal – und dann scheinen wir auch schon vollzählig zu sein (zumindest quantitativ :-). Der Rädelsführer übernimmt das Kommando und beginnt damit, die Teilnehmer zu begrüßen, vorzustellen und dann sagt er noch, dass er nur GANZ kurz Zeit hat, weil die nächste – noch wichtigere Telko – für ihn bereits in 15 Minuten beginnt. Und an den Reaktionen weiterer Teilnehmer kann ich erkennen, dass auch bei Ihnen wichtige ‘Anschlusstelkos’ anstehen. Die Wichtigkeit in einem Großunternehmen hängt also offensichtlich mit der Anzahl der im Laufe eines Arbeitslebens bewältigten Telkos zusammen.


Ich habe – auch gestern wieder – festgestellt, dass es unterschiedliche Arten von ‘Telkonisten’ gibt, nämlich die, die zuhören und mitmachen; die, die nur zuhören – aber nicht mitmachen; die, die weder zuhören noch mitmachen und die, die nicht nur nicht zuhören und nicht mitmachen – sondern nebenher mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind. Z.B. E-Mails beantworten, mit dem Handy telefonieren, auf den Nägeln kauen, in der Nase bohren oder was auch immer. Ich möchte nicht wissen, wer unter dessen sogar auf der Toilette sitzt. Tastaturklappern habe ich schon oft vernommen – zum Glück aber noch nicht das Geräusch einer Toilettenspülung!


Meistens (bzw. IMMER) ist man nach der Telko genau so schlau wie vorher. So auch gestern. Und deshalb habe ich auch irgendwann einfach aufgelegt, nachdem ich zuvor den Hörer ein paar Minuten bei Seite gelegt hatte.


Die Telko war wohl irgendwann zu Ende – und wie immer – begann die eigentliche Kommunikation erst dann. Denn nacheinander haben mich 5 Teilnehmer angerufen und sind hintenherum über die anderen Teilnehmer und das nicht vorhandene Ergebnis hergezogen. Und noch was ist mir aufgefallen. Keiner hat bemerkt, dass ich aufgelegt und das Ende der Telko überhaupt nicht erlebt habe!


Ich habe daher für mich beschlossen, dass ich nur noch an Telkos teilnehme, die weniger als drei Telkonisten hat. Ich bin einfach nicht multitelkotaskingfähig – da bin ich echt ‘beschränkt’!