Die etwas andere Sicht… 2017-10-06T11:54:07+00:00

Die etwas andere Sicht der Dinge…

Der Werkstation Mono(B)log

Diesen Mono(B)log führe ich mehr oder weniger (eher weniger) regelmäßig. Ich gebe Gedanken und Erlebnisse aus dem Unternehmensalltag sowie Geschichten aus dem Nähkästchen zum Besten. Außerdem blicke ich hin und wieder zurück und vergleiche – früher zu heute. Aber auch Dinge aus dem aktuellen Geschehen greife ich auf. Die Ausführungen spiegeln ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und erheben KEINEN Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch :-).

 

Die Leser haben keine direkte Möglichkeit auf einzelne Einträge zu antworten. Wer unbedingt seinen Senf dazugeben will, kann das unter »tagebuch [at] werkstation.de« gerne tun. Allerdings behalte ich mir vor, Inhalte dieser Mails zu ignorieren oder zu zitieren.

07.03.2012 – Vielleicht

Wir haben heute eine Ausschreibung von einem Transport- und Logistikunternehmen bekommen. Die wollen GAAANZ viele Terminals kaufen. Und wie immer, sind da GAAANZ viele Zusatzpapiere (Verträge und Geheimhaltungsvereinbarungen) dabei. Insgesamt ca. (gefühlte) 50.000 Seiten :-).


Das ist ja grundsätzlich alles i.O. – aber wenn man sich diese ganzen Papiere durchliest (was ich inzwischen nicht mehr mache), dann beschleicht einen schon das Gefühl, dass die Sklaverei wieder eingeführt werden soll. Denn – ich habe u.a. den folgenden (wunderschönen) Satz in der Ausschreibung gefunden. Dort heißt es: „Im Zuge des Projektverlaufs ist es vorgesehen, eine Pilotierung der Hardware vorzunehmen. Hierzu benötigen wir ein KOSTENFREIES Leihgerät für den Pilotierungszeitraum. Für etwaige Beschädigungen die aus dem Hardwaretest entstehen könnten, übernehmen wir keine Haftung“.


Ich habe natürlich sofort in die Tasten gegriffen und dem Einkauf (sinngemäß) folgende Mail geschrieben:

»Liebes Transport- und Logistikunternehmen,

wir beabsichtigen VIELLEICHT in nächsten Jahr ganz oft von Stuttgart nach Hannover zu fahren. Um hier jedoch eine Entscheidung treffen zu können, benötigen meine Mitarbeiter und ich für einen Pilotierungszeitraum kostenlose Testfahren. Für etwaige Beschädigungen die meine Mitarbeiter während der Testfahrten verursachen, übernehmen wir keine Haftung.«

Hat leider nicht geklappt :-(. Aber der Einkauf hat sich tatsächlich gemeldet und mir wurde lapidar mitgeteilt, dass ich da wohl etwas falsch verstanden hätte. Mist – mein Plan ist also nicht aufgegangen. Und ich hatte schon davon geträumt, dass meine Mitarbeiter und ich ein paar Jahre kostenlos zur Cebit fahren können 🙂


Wir sind grundsätzlich GERNE bereit eine gute Lösung für den Kunden zu finden – und das tun wir i.d.R. auch :-). Wir sind auch gerne bereit finanzielle Abstriche zu machen oder etwaige Entwicklungskosten auf einen späteren Auftrag anzurechnen. Aber was um alles in der Welt denkt sich ein so großes Unternehmen bei solchen Anfragen? Halten die sich für besonders privilegiert? Aus diesem Grund beteiligen wir uns schon lange nicht mehr an solchen Ausschreibungen.


Dass es auch anders geht, habe ich in vielen anderen Projekten erfahren. Denn es gibt durchaus noch Kunden, die bereit sind für eine gute Lösung auch Geld in die Hand zu nehmen. Und das halte ich (gerade auch beim Umgang zwischen kleinen und großen Unternehmen) für fair! Und das ist die Basis dafür, dass es die ‚Kleinen‘ auch in ein paar Jahren noch gibt.

P.S.: Typisch Einkauf ist wohl auch, dass in der Mail (im CC) ALLE! Mitbewerber aufgeführt waren. D.h. ich konnte genau sehen, an wen die Mail noch gegangen ist. Ich glaube das ist Absicht – damit wollen die uns Anbieter aufeinander hetzen und gegeneinander aufstacheln. Wie stümperhaft!

10.02.2012 – Drei Kategorien

Zwischen Abitur und Studium habe ich bei einem großen Energiekonzern als Aushilfe gearbeitet. Ich wurde zu einem sehr eigenwilligen Mitarbeiter der mittleren Managementebene ins Büro gesteckt. Seine erste Amtshandlung in unserer Zusammenarbeit war mir zu erklären, welche Arten von Menschen es im Unternehmen gibt. „Es gibt Dackel, Psychopaten und solche die Einfluss auf meinen Gehalt haben“ sagte er. „Und genau so muss man sie auch behandeln“.


Ich war – neben anderen Hilfstätigkeiten – auch seine ‚Telefondame‘ und hatte also die Aufgabe, ihm die Dackel und die Psychopaten vom Hals zu halten. Diejenigen aber, die Einfluss auf seinen Gehalt hatten, musste ich sehr bevorzugt behandeln! Er hat zu mir gesagt: „Herr Nägele – wenn sie das Telefon abnehmen, dann wiederholen Sie laut den Namen des Anrufers und schauen zu mir“.“Wenn ich nicke, dann stellen Sie in zu mir durch – wenn ich aber mit dem Kopf schüttele (wenn also ein Dackel oder Psychopath am anderen Ende der Leitung war :-), dann sagen sie einfach, dass ich nicht da bin“.


Ich habe sehr schnell festgestellt, dass es ungleich mehr Dackel und Psychopaten als Gehaltsbeeinflusser im Unternehmen gab. Dies hatte zur Folge, dass ich quasi den ganzen Tag gelogen habe. Das habe ich auch getan – und zwar genau drei Tage lang. Dann aber hat mich mein schlechtes Gewissen gepackt und ich habe meinen Chef zum Gespräch gebeten. Ich habe ihm mitgeteilt, dass ich zukünftig nicht mehr lügen würde – aber er hat mir nicht geglaubt und weiter auf die (für ihn bewährte) Vorgehensweise bestanden. Nachdem ich ihn aber ein paar Mal ins Messer habe laufen lassen (und er es satt hatte, ständig mit Dackeln und Psychopathen zu telefonieren), hat er mich zum Gespräch gebeten – und es kam zum Machtkampf – den ich gewonnen habe. Ich habe ihm nämlich mitgeteilt, dass er mich dann entlassen müsse – mit der Begründung, dass ich NICHT lügen wolle. Und das war sogar ihm nicht ganz einleuchtend :-).


Ich habe ihm denn folgenden ‚Kompromiss‘ vorgeschlagen: Direkt neben dem Schreibtisch meines Chefs stand ein großer Schrank. Und dahinter sollte er sich immer dann verdrücken, wenn ein Mensch der Kategorie ‚Dackel‘ oder ‚Psychopath‘ anrief. Ich nannte also laut den Namen und er stand auf und ging hinter den Schrank. Dann konnte ich wahrheitsgemäß sagen: „Ich sehe Herrn H. gerade nicht – kann ich ihm was ausrichten?“. Damit haben wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: ich musste nicht mehr lügen – und er konnte etwas für seine Fitness tun. Denn bewegt hat er sich ab da schon sehr viel 🙂


Wir haben übrigens noch mehr als drei Jahr GUT zusammengearbeitet und irgendwie hat ihn meine Sturheit wohl auch beeindruckt – denn gleich nach dieser Aktion hat er mir das Du angeboten. Aber damals habe ich für mich beschlossen, dass ich NIEMALS in einem Großkonzern arbeiten möchte! 🙂

23.01.2012 – Hunger

Ich sitze auf meinem ‚Chefsessel‘ und schaue auf die Uhr – es ist kurz vor 12:00 Uhr. Der Blick auf die Tageskarte des kleinen Restaurants um die Ecke zeigt mir: Heute gibt es Käsespätzle. Eigentlich ganz lecker – aber halt nur eigentlich. Denn ich verspüre keinen wirklichen Hunger. Es ist mehr zur Routine geworden – und die heißt: 12:00 Uhr : Nahrungsaufnahme! Meine Gedanken schweifen ab – und ich erinnere mich an meine Kindheit.


Mein Vater hatte einen kleinen Handwerkerbetrieb – er war Fliesenlegermeister. In dem Dorf aus dem ich komme und in den Dörfern rund herum war klar: wenn es für einen Fliesenleger etwas zu tun gab, dann holte man meinen Vater. In den Ferien und meist auch samstags (ja – damals war der Samstag zumindest noch ein halber Arbeitstag!) ‚durfte‘ ich mit. Und weil die Dörfer nicht weit auseinander lagen, konnten wir meistens zum Essen nach Hause – zu Mama. Was für eine schöne Erinnerung!


Spätestens gegen 11:00 Uhr war es dann soweit. Ich bekam ’schrecklichen‘ Hunger. Und ich habe mir dann immer überlegt, was die Mama wohl gekocht hat. Das Knurren meines Magens kann ich mir noch genau vorstellen – und es kribbelt noch heute wenn ich daran denke. Zur Mittagszeit – und zuhause angekommen – atmete ich schon an der Haustüre tief ein – ich versuchte herauszufinden was wohl auf dem Herd stand. Meine Mama kochte hervorragend – aber ich muss trotzdem zugeben: das Essen war nicht immer nach meinem Geschmack. Aber mein großer Hunger machte mich weniger wählerisch. Es gab auch nicht jeden Tag Fleisch. Dafür aber war meine Freude umso größer, wenn es dann doch Spätzle, Soße und ein schönes Stück Fleisch gab. Und wie heute weiß ich noch, mit welchem Genuss ich dann gegessen habe – das war eine echte Freude und hatte jedes Mal etwas von einem Fest.


Und heute? Tja – heute schaue ich auf die Uhr – es geht ins Restaurant oder in die Kantine. Ich kann wählen zwischen mind. 10 Gerichten und – auch wenn es lecker schmeckt – es ist nicht so wie früher. Schade eigentlich – und irgendwie vermisse ich das.

10.01.2012 – Insidergeschäfte

Vor ca. 3 Jahren rief mich ein Mitarbeiter eines großen Telekommunikationsunternehmens aus München an. Er teilte mir mit, dass er aus einem Projekt noch zwei – für damalige Verhältnisse – riesengroße TFT-Displays (65″) ‚übrig‘ hätte und diese gerne verkaufen möchte. Mehrere Versuche die Displays selbst zu veräußern waren wohl gescheitert. Der Straßenpreis für so ein Gerät lag damals bei ca. 6.500 Euro – er hat mir die Teile für 2.000 Euro angeboten (die mussten wohl dringend weg). Ich habe ihm mitgeteilt, dass ich zwar keine Interesse an einem Kauf hätte – mir aber vorstellen könnte, dass ich die Displays bei meinem nächsten Newsletter zu einem Preis von 5.500 Euro anbieten würde. Er zeigte sich erfreut und ich dachte so bei mir: »Nägele – Du hast nichts zu verlieren. Aber die Teile kauft sowieso kein Schwein«. So zumindest dachte ich…


Ich habe also den Newsletter fertig gemacht und verschickt. Und – wie es der Zufall so will, klingelte (keine 2 Stunden nach dem Versand) mein Telefon. Der Mann am anderen Ende teilte mir mit, dass er Interesse am Kauf hätte und ich habe ihm ein Angebot gemacht. 20 Minuten später hatte ich die Bestellung auf dem Tisch. Bis hierher eigentlich nichts Ungewöhnliches. Bis hierher. Aber jetzt passen Sie mal Achtung :-).


Ich greife also zum Hörer, rufe den Verkäufer an und teile ihm mit, dass ich ’seine‘ Displays verkauft habe. Die Bestellung legte ich ihm auch aufs Fax. Er fragte mich noch nach der Lieferadresse, damit er den Versand veranlassen könne. Ich hab ihm dann gesagt (ungelogen und wortwörtlich): »Herr G… – stehen Sie bitte von Ihrem Stuhl auf, gehen Sie aus dem Zimmer und dann zwei Türen weiter. Dort fragen Sie einfach nach Ihrem Kollegen Herr L… und da können Sie die Monitore auch hin liefern«. Ja – ein Kollege von dem Verkäufer hatte die Displays tatsächlich erworben :-). Ich habe flugs die Rechnung über 11.500 Euro geschrieben (natürlich habe ich den Versand extra mit jeweils 250 Euro berechnet) – eine Rechnung über 4.000 Euro erhalten und sonst hatte ich NICHTS mit der Sache zu tun.


Das nenne ich mal ein ‚echtes‘ Insidergeschäft! Im Nachhinein habe ich erfahren, dass die beiden sogar eine Fahrgemeinschaft hatten und quasi JEDEN Tag miteinander zur Arbeit gefahren sind. Keine Ahnung über was die da gesprochen haben – aber sicher nicht über ihre Arbeit. Warum auch? Und wenn ich so darüber nachdenke, dann kommt es mir wieder in den Sinn: Großkonzerne sind manchmal schon eine feine Sache. Aber halt nur manchmal 😉

10.11.2011 – Leichen im Keller

Einen erstaunlichen Anruf erhielt ich vor ca. 2 Jahren. Ein EDV-Mensch (wohl in einer etwas höheren Position – sein Name war Herr B…) war am anderen Ende der Leitung. Er rief von München aus an – aus dem Haus eines großen Versicherungskonzerns.


B..: »Grüß Gott Herr Nägele – ich möchte Ihnen gerne ein paar Terminals verkaufen«

ich: »Sie meinen wohl ‚kaufen‘ – nicht ‚verkaufen‘. Oder?«

B..: »Nein – ich meine schon ‚verkaufen‘. Wir haben vor ca. 4 Jahren (in Worten VIER!) bei Ihnen 5 Terminalsysteme gekauft. Die sind nun originalverpackt und unbenutzt bei uns im Keller ‚aufgetaucht’«

ich: »Warum waren die Terminals denn abgetaucht? fragte ich schnippisch – wurden sie polizeilich gesucht?«


Während des Gesprächs hatte ich den Datensatz des Kunden aufgerufen und tatsächlich. Die Versicherung hatte ein paar Jahre zuvor 5 Terminals gekauft. Aber nicht von der Stange – sondern RICHTIG aufwändige (und deshalb auch teure) Systeme mit allem Schnickschnack (WebCam, Kartenleser, spezieller Drucker und viele Dinge mehr). Und ich konnte mich auch noch an den Auftrag erinnern. Wir haben uns echt total verausgabt, denn die Terminals mussten damals GANZ SCHNELL geliefert werden, weil der Kunde sie UNBEDINGT brauchte.

Und jetzt wusste ich auch warum. Die brauchten die Geräte, um den freigewordenen Platz in ihrem Keller damit zu bestücken. Und dieser wichtige Einsatzzweck leuchtete mir dann auch sofort ein :-). Nun also wollte der Herr B…, dass ich die Terminals wieder zurückkaufe. Wahrscheinlich brauchte er den Platz im Keller für neue Lagerware.


B..: »Ich würde Ihnen die Geräte für 70% des damaligen Preises überlassen« (An seiner Stimme konnte ich hören, dass er das ernst meinte und er sich sicher war, dass ich das Angebot nicht ausschlagen kann).

ich: »Herr B… – ich will nicht unhöflich sein. Aber 4 Jahre sind in der EDV eine SEHR lange Zeit. Die Rechnersysteme sind veraltet und auch der Rest wird durch die (sicher artgerechte) Haltung in Ihrem Keller nicht wirklich besser. Außerdem handelt es sich bei den Terminals um Sonderentwicklungen für Ihr Haus. Damit kann kein anderer Kunde wirklich etwas anfangen. Ich gebe Ihnen 100 Euro pro Gerät und lasse die Teile kostenneutral für Sie abholen. Dann entstehen Ihnen keine weiteren Kosten für die Entsorgung«

Von da an kippte die Aussprache meines Gesprächspartners ins bayrische und wurde derber. Ich meine das Wort „Halsabschneider“ gehört zu haben. Aber das war mir egal :-). Zum Schluss sagte er noch etwas von „nie mehr einen Auftrag von uns“ – und dann legte er auch schon auf.

Telefon: »Tuuuut – tuuuut – tuuuut«


Das Schöne an so großen Unternehmen ist aber, dass die Menschen ihre Position sehr schnell wechseln und auch sehr schnell vergessen. Wir haben inzwischen weitere Aufträge bekommen. Und ich gehe fest davon aus, dass die Teile noch immer im Keller stehen.

12.09.2011 – Kabelsalat

Große Projekte bei großen Konzernen haben ihre eigenen Regeln. So auch ein Projekt mit einem großen deutschen Telekommunikationsunternehmen. Es ging um viele viele (also wirklich VIELE) TFT-Displays, die in einzelnen Niederlassungen installiert werden sollten. Aus einem mir nicht wirklich ersichtlichen Grund musste das TFT-Display in sämtliche Einzelkomponenten aufgeteilt – also quasi (fast) jede Schraube separat bepreist werden. Das ganze mündete schließlich in einer grotesken Preisverschieberei. Irgendwie hatte das wohl mit einzelnen Kostenstellen und der Übernahme der jeweiligen Kosten zu tun. Ich vermute jedoch, dass es (mal wieder) um einen internen Machtkampf ging.


Zum Schluss – aber auch schon im Verlauf des Projekts – hatten alle (aber wirklich ALLE!) Beteiligten den Überblick verloren und die Preisgestaltung widersprach JEDER Logik (und nebenbei auch dem gesunden Menschenverstand :-). Denn wir hatten z.B. beim Display – bei einem Verkaufspreis von ca. 250 Euro – einen Deckungsbeitrag von schlappen 5 Euro. Beim VGA-Kabel hingegen hatten wir einen unglaublichen Deckungsbeitrag von 2000% (in Worten ZWEITAUSEND! Prozent). D.h. wir haben ein Kabel für weniger als einen Euro eingekauft und für knapp 20! Euro wieder verkauft.


Mir machte das Angst – aber ich hatte keine Wahl – denn so waren die Regeln. Und als junger Unternehmer (das Ganze ist schon ein paar Jahre her) schluckt man so manche Kröte. Aber ich wusste auch, dass es NIEMALS passieren darf, dass nur TFT-Displays bei uns bestellt werden. Und dann kam es doch so – der Kunde bestellte (Achtung – halten Sie sich fest) 1.000! Stk. VGA-Kabel. Mir wurde ganz übel und ich dachte noch bei mir: „die haben sie nicht alle“. Heute weiß ich es genau – die hatten sie wirklich nicht alle :-).


Aber meine christliche Erziehung zeigte Wirkung – ich bekam ein schlechtes Gewissen. Also habe ich zum Hörer gegriffen und den Einkäufer (ein gewisser Herr G…) angerufen. Das Gespräch lief in etwa so ab (Gedächtnisprotokoll!):

ich: »Hallo Herr G… – ich habe hier eine Bestellung von Ihnen, die kann ich so nicht ausführen«

G..: »Warum nicht?«

ich: »Na weil der Preis viel zu hoch ist – ich kann ihnen nicht ein einfaches Kabel für 20 Euro/Stk. verkaufen. Könnt ihr nicht die Kabel woanders kaufen – da sind sie viel günstiger?«

G..: »Nein – das geht nicht. Das Gesamtsystem ist mit Ihren Kabeln getestet. Ein anderer Lieferant müsste erst von uns zertifiziert werden«

ich: »Ja – aber ich habe ein schlechtes Gewissen. Wir sollten den Preis für die VGA-Kabel noch mal besprechen weil… (Herr G… fällt mir barsch ins Wort)«

G..: »Jetzt passen Sie mal auf Nägele – wenn ich den Preis in meinem SAP-System ändern will, dann brauche ich 4 (in Worten VIER!) Unterschriften – und das dauert mindestens 6 (in Worten SECHS!) Wochen. Also zicken Sie nicht rum und liefern Sie die VGA-Kabel wie vereinbart. Sonst war das der letzter Auftrag von uns« (Herr G… knallt den Hörer auf das Telefon).

Telefon: »Tuuuut – tuuuut – tuuuut«


Mein schlechtes Gewissen war mit einem Schlag weg. Wir haben die Kabel geliefert. Und ich dachte noch bei mir: „Schon eine geile Software – dieses SAP“. Herr G… ist inzwischen entlassen worden (irgendwelche Unregelmäßigkeiten – welcher Art auch immer). Kann ich mir gar nicht vorstellen. Unregelmäßigkeiten trotz SAP? 🙂

05.08.2011 – Ausgesetzt

Wir hatten eine Anfrage von einem großen Konzern. Wir sollten VIELE Terminals liefern. Aber – die Sache hatte mehrere Haken (oder müsste das ‚Häken‘ heißen? :-). Und die waren in einem fast 100-seitigen Vertragswerk des Konzerneinkaufs aufgelistet – dem „Rahmenvertrag zur IT-Beschaffung“. Aus meiner Sicht hätte man den Rahmenvertrag in einem Satz zusammenfassen können. Der Satz würde dann in etwa so lauten: „Wir kaufen etwas bei einem Lieferanten – der Lieferant ist immer schuld wenn was nicht funktioniert – die Garantiezeit beträgt 150 Jahre – und überhaupt ist der Lieferant mit Leistung der Unterschrift rechtelos – aber pflichtenbeladen – und bezahlt wird frühestens in 6 Monaten“.


In einem (wesentlichen) Punkt konnten wir uns aber – zumindest teilweise – dursetzen: Denn in Anlage 3 auf Seite 78/VI-454 – Abschnitt IIXB – Unterabschnitt 4712-A04 – Nr. 1.1.2.3.4.5.6.99ff in der Version vom 29.08.2010 stand unter der der Überschrift: „Code of Conduct“ der folgende (wunderschöne) Satz: „Jegliche Formen von Zwang sind verboten. Die Anwendung von körperlichen Strafen, nötigenden mentalen oder physischen Zwangs sowie Beleidungen und Beschimpfungen von Mitarbeitern des Zulieferers sind verboten!“


Was ein Mist. Damit wurde unsere bis dahin gelebte Firmenphilosophie ad absurdum geführt. All das machen wir täglich – und somit konnten wir nicht unterschreiben. Wir haben beim Kunden also folgenden Kompromissvorschlag eingereicht (und wer mich kennt der weiß – das ist KEIN Witz!): „Wir werden die bisher übliche öffentliche Prügelstrafe für ungehorsame Mitarbeiter/innen vorübergehend aussetzen. Und beleidigt wird bei uns sowieso nur der Chef“.


Und was soll ich sagen? Wir haben den Auftrag tatsächlich bekommen! Und natürlich haben wir – nach Abschluss dieses Projekts – die öffentliche Prügelstrafe UMGEHEND wieder eingeführt 🙂

18.04.2011 – der gesenkte Kopf

Gestern habe ich meinen Sohn in die Polizeischule gefahren. Er macht dort eine Ausbildung. Vor der Unterkunft saßen viele junge Polizeiazubis (die nennt man dann Polizeianwärter) auf einer Bank. Und ich konnte nicht fassen was ich da gesehen habe. Von 10 Polizeischülern hatten 7 (in Worten: SIEBEN!) ein iPhone. Noch mehr erschreckt hat mich allerdings: Alle Köpfe waren gesenkt und die Finger waren auf dem Display unterwegs. Wer kein eigenes iPhone hatte, schaute beim Nachbarn rein. Kommunikation untereinander? NULL!


Mein Sohn hatte mir schon davon erzählt. Und er hat damals gesagt: „Papa – ich bin so froh, dass ich kein iPhone habe“. Und gestern ist mir einmal mehr klar geworden, was für einen klugen Sohn ich doch habe. Mich hat dieses Erlebnis aus zwei Gründen nachdenklich gemacht. Zum einen hat inzwischen JEDER so ein Gerät und mein iPhone wird dadurch »abgewertet«. Und zweitens verkümmert durch diese Geräte jede zwischenmenschliche Kommunikation.


Mir ist außerdem bewusst geworden, dass ich diese gesenkte Kopfhalten inzwischen fast überall sehe. Jeder ist mit sich selbst und seinem sogenannten »Kommunikationsgerät« beschäftigt. Die Wahrheit aber ist, dass es sich um einen wahren Kommunikationskiller handelt.